Am Rio Napo

Nuevo Rocafuerte

Unsere winzige Stadt mit etwa 500 Einwohnern heißt Nuevo Rocafuerte Nuevo Rocafuerteund liegt im Amazonasgebiet, im äußersten östlichen Zipfel Ecuadors, direkt an der peruanischen Grenze. Der Ort besteht im Prinzip aus zwei gepflasterten Straßenzügen. Autos fahren hier keine, weil man den Ort nicht per Auto erreichen kann. Die Infrastruktur besteht aus einem Verwaltungsgebäude, einer Militärstation, einer Grundschule, einer Fernschule, einem recht modern ausgebauten Krankenhaus, einer Kirche, einer Telefonstation, einem kl. Hotel, einem Gästehaus der REST-Kooperative und mehreren Geschäften für die Grundausstattung mit Lebensmitteln, Hygieneartikel und ein wenig Kleidung. Es gibt tagsüber Strom und Telefon.

Nuevo Rocafuerte gilt als Stadt, weil es zugleich der Hauptort der kirchlichen und zivilen Pfarrei ist. Ob unser Kanton (~ Kreis) Aguarico auch von hier oder von Tiputini aus regiert werden soll, ist politisch zur Zeit die heißeste Frage, denn daran hängt viel Geld. Vor allem die Entschädigungsleistungen der Erdölgesellschaft, die gezahlt werden, falls das ITT Projekt in Gang gesetzt wird. Die Grenzen von Kanton und kirchlicher Pfarrei stimmen in etwa überein. Das heißt wir leben in einer Pfarrei von mindestens 150 km Länge am Napo-Fluß entlang und mindestens ebensolcher Breite. In etwa 30 kleinen Dörfern leben hier ca. 4000 Menschen an den Flüssen Napo, Aguarico, Tiputini und Yasuní. Die meisten von ihnen gehören zum Volk der Naporuna, außerdem leben hier Waorani und Mestizen.

BootDreimal wöchentlich verbindet ein öffentliches Passagierboot uns mit der Hauptstadt unserer Provinz Orellana, Francisco der Orellana oder kurz „Coca“ genannt nach dem Fluß Coca, der hier in den Napo fließt. Für die ca. 300 km nach Coca braucht das Boot 13–15 Stunden. Die Schnellboote der Erdölfirmen und Militärs benötigen gerade mal 3-4 Stunden, aber die nehmen nur ihre eigenen Leute mit.
Armuts- und Analphabetenrate gehören hier zu den höchsten im Land und Kontinent. Die Menschen können zwar genug Mais, Maniok und Bananen anbauen für ihre Ernährung, aber wegen der schlechten Boden- und Transportverhältnisse gibt es kaum Möglichkeiten zum Verkauf. KakaofruchtDas einzige Produkt, das verkauft werden kann, ist der Kakao. Arbeitsplätze gibt es nur sehr selten, wenn z. B. die Erdölfirmen für wenige Monate jemanden anstellen, um ein Gelände zu säubern oder zu bewachen. Aber auch dazu braucht man zumindest das Schulzeugnis, das den Abschluß nach 10 Jahren bestätigt oder besser das Abitur. Hier haben viele Menschen jedoch nicht einmal das Grundschulzeugnis, das nach 7 Pflichtschuljahren ausgestellt werden soll.
Geld, Schulbildung und menschliche Begleitung bei der Entwicklung der eigenen Kräfte sind absolute Mangelware, in die keiner „investieren“ will. Für die, die investieren wollen, stören die Menschen hier eigentlich nur, genau wie für manche Umwelt- und Naturschutzorganisationen, die gern von einer „intakten“ Natur träumen. Die soll hier erhalten oder geschaffen werden vorbei an den Einheimischen.
Hier am „Ende der Welt“ möchten die Menschen Teil der modernen Welt sein, die vor ihrer Haustür im Schnellboot vorbeiflitzt und von den Schätzen ihres Bodens lebt. Sie ringen darum, dort hineinzukommen und vergessen darüber oft die Kraft ihrer eigenen Wurzeln. Sie geben sich selbst auf, um dann festzustellen, dass sie trotzdem aus der westlichen Welt ausgeschlossen werden. Wie können Brücken gebaut werden zwischen der westlichen und der indianischen Welt? Wie erarbeitet man einen kritischen Umgang mit den Werten der eigenen und der sogenannten modernen Kultur? 
LehreIn diese Situation hinein möchte unsere Fernschule wirken. Sie wurde vor 10 Jahren von der katholischen Kirche eingerichtet und kämpft mit vielen Schwierigkeiten, um indianischen Jugendlichen und Erwachsenen die mittlere Reife oder das Abitur zu ermöglichen. Die Schüler/innen müssen in ihren Häusern, die in den Büchern gestellten Aufgaben alleine oder in Gruppen lösen. Zweimal pro Woche treffen sie sich im Dorfzentrum mit einem Tutor oder einer Tutorin, die auch gerade erst auf dieselbe Art Abitur gemacht hat, um Fragen zu stellen und auf Erklärung zu hoffen. Einmal im Monat wird die Gruppe vom Koordinator der Schule aus Nuevo Rocafuerte besucht.

Als Mitglied des Pfarreiteams bin ich zuständig für die Beratung, Begleitung und Unterstützung der Fernschule und übernehme einen Teil der Weiterbildung der Katecheten. Was kann ich tun? Das Wichtigste ist, möglichst intensiv Land und Leute kennen- und verstehen zu lernen. Dazu besuche ich regelmäßig einige Dörfer. Gleich anschließend kommt die Ermutigung. Es braucht gerade auch bei den Mitarbeitenden, die schon lange dabei sind, viel Mut und Geduld trotz der oft umwerfenden Schwierigkeiten weiterzumachen – kein Geld für Bücher und Stifte, kein Lexikon, kaum Lehrer, kein Benzin für Transporte, kein Verständnis der Behörden, … und trotzdem - - -

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