Juli 2017/ Das Buch mit der Sammlung der Naporuna-Legenden ist fertig!

Buchcover_Federica-Peters_Naporuna-Legenden_2017

Das Buch enthält mehr als 150 Geschichten und Lieder der Naporuna. Alles über die erfolgreiche Buchpräsentation findet Ihr hier:

April 2017/ Es lebe das Leben!

Rio Napo

es lebe das leben

mitten im Wahn-Sinn
Lug und Betrug
die das Herz zerreissenPalmen flechten
flechten wir weiter
mit Dornen in den Händen
die in der Seele weh tun
flechten wir weiter
Schönheit Süsses und Zärtlichkeit
flechten wir weiter

bis - plötzlich
ein frischer Wind
auf
steht

Kar- und Osterwoche am Napofluss - diesmal sind wir zu viert im Pfarreiboot unterwegs, eine Woche lang von Dorf zu Dorf. Da ist unser Pfarrer und Kapitän Juan Carlos, Manuel, ein junger Kapuzinerbruder, der vor allem den Kontakt zu den Jugendlichen sucht, Irene, eine spanische Krankenschwester, die erst vor 2 Wochen angekommen ist und die Dörfer kennenlernen will und ich selbst, seit 1 ½ Monaten wieder angekommen und dabei, mich zu erinnern und neu zu orientieren.

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Naporuna in TerereWir kommen nach Terere. Die Naporunas haben eine "Maloka" gebaut, gross genug, damit alle im Kreis sitzen können und mit geflochtenem Palmdach. Es hält den Regen ab, der in dieser Woche immer wieder mit ohren- betäubendem Lärm auf die modernen Zinndächer knallt. Hier können wir auch während des Gewitters ruhig sitzen und reden. Die Naporunas haben dieses Gemeinschaftshaus mit eigenen Händen und aus eigener Iniative gebaut und das, obwohl ihnen seit Jahren per Vertrag mit der Erdölgesellschaft ein grosses Gemeindehaus zugesichert wurde. Das soll ihre Entschädigungsleistung werden für das Erdöl, das unter ihrem Boden weggepumpt wird. Seit Jahren zerstört der Erdölabbau ihr Land und ihre Dorfstruktur, sät Streit. Ihr Territorium ist in höchster Gefahr, vom Staat enteignet zu werden. Entschädigung existiert nur auf dem Papier und in der Wahlpropaganda. Nach endlosem Warten und Reklamieren haben sie ihr Gemeindehaus wieder in die eigene Hand genommen - neues Leben - für eine kleine Zeit lang - - -

Naporuna Vater und sohnDie meisten Leute haben Palmblätter mitgebracht, die vor, aber auch während des Gottesdienstes kunstvoll verflochten werden, ungeachtet der kleinen Stacheln, die an jedem Blattrand sitzen. Daraus entstehen grosse Standarten, kleine Schnecken, Sterne, Herzen oder Fächer, die getrocknet zwischen die Dachbalken der Häuser gesteckt werden. Wenn ein Tropengewitter tobt oder ein schmaler Hurrikan gewaltvoll Schneisen durch Wald, Finca und Feld zieht, werden Streifen dieser Palmen abgerissen und an den Herdfeuerstellen verbrannt. Der Rauch beruhigt Nerven und Geister.

Zuerst einmal werden die Palmen jedoch heute im Gottesdienst gesegnet - denn wir feiern Tod und Leben. Da wir als Pfarreiteam nur einmal in der Osterzeit in jedes Dorf fahren können, feiern wir Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag und Ostern in einem einzigen Fest, das wie eine Essenz hoffentlich sein Aroma auf die ganze Woche verteilt. Die Naporuna-Bräuche und Geschichten aromatisieren wiederum unsere gemeinsame Feier. Der Mitos von Pachayaya, dem Vater der Erde, der am Fluss entlang die Menschen besucht, dann von bösen Geistern verfolgt und getötet wird und doch wieder aufsteht aus dem Grab, wird genau wie die biblische Erzählung von Tod und Auferstehung Jesu neu erzählt. Jedes Jahr wieder, denn jedes Jahr wieder werden auch Teile unseres Lebens getötet - manche vergehen wie ein altes Kleid, andere müssen und können neu aufgestellt werden - mit neuem Geist und frischem Wind - - - Oder wollen wir am Boden liegen bleiben???Junge am Rio Napo

 

 

 

 

 

 

 

 

In Alto Eden besuchen wir den Katecheten Pedro, seine Frau Nancy und ihre grosse Familie. Alto EdenAuch Pedro hat sein eigenes Haus in die eigene Hand genommen und angebaut, ein grosses Wohn und Gemeinschaftszimmer. Um Holz, Nägel und Mitarbeit einiger Verwandte bezahlen zu können, hat er viele Monate lang von seiner Familie entfernt leben und arbeiten müssen. Jetzt haben sie es geschafft. Das Haus steht, Arbeit gibt es hier keine mehr, obwohl in ihrem Territorium das grösste Erdölcamp Ecuadors liegt - Entschädigung gibt es nur auf dem Papier und in der Wahlpropaganda. Ein kleineres Erdölrohr liegt auch vor ihrem Haus, geht von hier aus in ein grösseres, dann über den Napofluss, später über das Andengebirge an die Küste und per Schiff in die sogenannte westliche Welt. Ein Wasserrohr vom Dorfzentrum zu Nancys Haus gibt es nicht - der Weg wäre zu weit für eine Dorfwasserleitung, haben die Ingenieure der Erdölgesellschaft gesagt. Nancy holt das Wasser weiter aus einem kleinen Bach und wenn möglich, pumpt eine eigene kleine Pumpe einen Tank voll - - -
Und trotzdem haben Nancy und Pedro den besseren Weg gewählt - - -
die von vielen ersehnten und nur an wenige verteilten Styroporhäuschen der benachbarten Millenniumstadt, sind wie eine geschminkte Fassade, in der man nicht leben kann, wenn man keine fest bezahlte Arbeit hat - indianisches Leben unmöglich - viele dieser Häuschen sind ebenso leer wie hohl - - -

MilleniumstadtDie Millenniumstadt scheint mir ein gutes Bild für die Wahl und die politische Situation im Land. Wir stehen im Regen - in einer Geisterstadt - hohl und leer, gut geschminkt, aber völlig ungeeignet für das Leben der Menschen.
Die Art der Wahl sowie ihre Vor- und Nachgeschichten haben auch die letzten Hoffnungen beerdigt, dass von staatlicher Seite menschliche Entwicklung kommen könnte. Recht, Gesetz, Gerechtigkeit, rechts, links, Demokratie, Sozialismus, Liberalismus, Kapitalismus, Populismus, konservativ, progressiv sind völlig sinn-los geworden. Alle haben nur noch den einen gemeinsamen Sinn - ungeschminkte Macht-Gier in Macht-Menschen. Die wurden für Sekunden hinter den Wahlplakaten, hinter der wohlgesetzten Show der Zwangsapplaudierer sichtbar - aber nur für offene Augen. Die Masken sind und waren perfekt ---
Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld - - -

Maria Magdalena trifft nach endlosen Nächten im Reich der Todes den Gärtner -
auf dem Friedhof - - -

Pachayaya hat seine Wanderung längst wieder aufgenommen - am Flussufer entlang - von Finca zu Finca - - -

Rio Napo

 

 

KAWSAY TYAN -
VIVA LA VIDA -
ES LEBE DAS LEBEN - - -

 

 

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März 2017/ Es geht weiter!

Seit einigen Tagen bin ich wieder in meiner zweiten Heimat Ecuador. Gestern bin ich in Coca gelandet, im Amazonasgebiet. Morgen geht es weiter den Fluss hinunter in verschiedene Dörfer. Von Rocafuerte aus, meine alte und neue Wohnung, werde ich weiter in der Erwachsenenbildung tätig sein mit den indianischen Menschen vom Volk der Naporuna ....

... direkt zum Rundbrief download [pdf]Koeln_Hauptbahnhof

Gedanken zwischen zwei Welten

Denk ich an Deutschland ...

Im Zug
Zwei Frauen mittleren Alters steigen zusammen ein, bepackt mit Einkaufstaschen. Sie setzen sich gemeinsam auf eine Bank, reden kurz über das kalte Wetter und die Zugverspätung, greifen jede in ihre Handtasche, holen ihre Smartphones raus und - - - - sind weg -
Auf Knopfdruck verschwunden, jede in ihre eigene Welt - - -
Ich seh mich um -
Direkt vor mir ein asiatisch aussehender Mann liest ein EBook - fremde Schriftzeichen - kommt mir sehr chinesisch vor -
Rechts vorn eine Großfamilie mit Kind und Kegel im lebendigen Hin-und-her-Gespräch - türkisch? -
Auf der Viererbank nebenan junge verschleierte Frauen, reden über ihren "Ausbildungsplatz", "Bürotätigkeit", "Chef", "Verwaltung" soweit komm ich mit - alles andere klingt wie irgendeine der osteuropäische Sprache, die ich nicht einmal unterscheiden kann - von Verstehen keine Spur -
Hinten links zwei Geschäftsmänner mit offenen Laptops und Smartphones in der Hand, sprechen englisch - einer mit deutlich deutschem Akzent -

Hinterm Stacheldraht
Militärgelände hoch umzäunt, Sicherheitscheck am Tor, Wachleute bewaffnet -
ich darf mit hinein - ausnahmsweise - um zu sehen - vielleicht etwas mehr zu verstehen von meinem Land - und dahinter???
Erstaufnahme-Lager für Flüchtlinge in Deutschland - und da drin???
Menschen aus 22 Nationen - auf Abruf - auf Antwort wartend - Deutschunterricht verboten - arbeiten verboten - warten - es ist Advent - auch im wirklichen Leben -
Und dann sind da ein paar MitarbeiterInnen, die das nicht müssen und doch tun - ein Kinder-Spielhaus einrichten, deutsch mit den Kindern reden und erklären wie das geht - wie wir uns verständigen können in diesem Land und in dieser gemeinsamen Welt -
Ehrenamtliche haben ein Café organisiert, ausserhalb des Lagers - Weihnachtsplätzchen - warm - Leute - suchen Gespräche mit Hand und Fuß -
Die Abschiebung kommt nachts - Polizei - unangekündigt - packen - sofort -
und raus - - -

Weihnachtsmarkt
es ist ein Tag später - ein Tag nach dem Terroranschlag in Berlin 19/12/16 - ich bin auf dem Weihnachtsmarkt - weil wir das schon lange geplant hatten, weil das Leben ja weitergehen muss, weil wir uns nicht freiwillig einschließen wollen -
Gewehre - Sicherheitsposten überall - Betonabsperrung rundherum - und da drin???
Herbergssuche und Geschenkejagd - Jingle Bells zum 1000sten Mal - und Wärme - in liebevoll handgefertigten Gegenständen - rundum -
und Menschen, die sich wärmen wollen - gegenseitig -
Terror soll und wird nicht das letzte Wort behalten - - -

Auf der Insel
sind wir nicht mehr - der Bumerang der Globalisierung, den viele Länder des Nordens in den Süden geworfen hatten, damit die Rohstoffe des Südens den Wohlstand des Nordens füttern, ist zurückgekommen.
Die längst an allen Wohlstandsnetzen Vorbeigeschleusten, Hängengebliebenen, durch sie Durchgepressten, Durchgefallenen, Wegrationalisierten, die Überlebenden von menschengemachtem Krieg und Hunger haben sich eigene Wege gesucht. Globalisierung anders herum. Der Süden ist in den Norden gekommen.
Wir leben nicht mehr auf der Insel, die sich über dem aufgewühlten Meer erhebt aber zugleich am Tropf des Rohstoff- und Absatzmarkts im Süden hängt.
Keiner ist eine Insel - unser gemeinsamer Globus ist rund -
wir finden Wege, ihn zum Wohl aller zu gestalten - oder er selbst wird uns nicht überleben - - -

Das Netz in der Hand - in der Hand des Netzes
Brandneu - Behörden in Deutschland dürfen jetzt die Handys von Flüchtlingen durchsuchen. Netz
Das Netz in unserer Hand ist zum Pass geworden, unser Ausweis, der ausweist, in welchen Netzen wir uns bewegen und der uns ausweist, wenn wir in diesem Netz, in diesem Land nicht willkommen sind.
In ein Netz kann man sich nur einloggen, wenn man die Bedingungen erfüllt -
"Das ist nun mal so!" - Wer sagt das? - Wer ändert da dauernd die Bedingungen? - Wer schürt unsere Angst davor, durch die Netze zu fallen? - Wer schürt die Gewalt in denen, deren Überleben davon abhängt, Einlass zu bekommen?
In welchem Netz-Werk setze ich die Bedingungen? - Wen lass ich rein? -
Durch welches bin ich längst durchgefallen? -
In welches will ich mich nicht einloggen??? -


Die Wahl
In Deutschland, in den Niederlanden, Frankreich, Ecuador wird dieses Jahr gewählt. In den USA gestaltet der neu gewählte Präsident seine ersten 100 Tage.
"Rechts" sind neue Extreme entstanden, "Links" ist schick geworden. Die sogenannte Gucci-Linke besteht darauf "fair" und "bio" zu leben. Die Firmen und Parteien, die diese "Produkte" herstellen, haben ihre Werbung im selben Mass "aufgemotzt", wie sie sich von den "unfair" behandelten Menschen und der "natürlichen" Natur in Nord und Süd abgewandt haben.
Rechts und Links sind bunt schillernde Markennamen geworden, für verschiedene Wege, die sich in einem ganz und gar einig sind, ihrem Ziel - auf der Insel des Wohlstands bleiben - nach uns und um uns die Sintflut - - -

Was tun?
Während die Ohnmacht weiter unerträgliche Ausmaße annimmt, begegne ich Menschen, überraschend vielen Menschen, die meist einzeln - allein - aus sich selbst heraus handeln. Sie können nicht mehr anders, als ihrer inneren Stimme nachzugehen, auch wenn Freundinnen und Kollegen das nicht mehr nachvollziehen können und erst recht nicht mitmachen wollen.
Sie organisiert den Kindern Deutschunterricht hinter dem Stacheldraht. Er kümmert sich um ein Projekt, das im Netz der nachhaltigen Unterziele des wirkmächtigen Finanzierungskonzepts keine Chance hat. Sie bringt die schwangere Syrerin mit dem Auto ins deutsche Krankenhaus, wenn die Wehen einsetzen. Sie stellt den Pakistani als Bäckerlehrling an. Sie organisiert Therapie für ein 10 jähriges Mädchen, das seine drogensüchtige Mutter tot im Bett fand. Er berät noch immer die Menschen persönlich, obwohl er doch in der Zeit den Gewinn der Großhändler senken und den des Konzerns steigern sollte. Sie arbeitet im Call-Center der Versicherung und es ist ihr nicht egal, wer die Rechnung der Sozialhilfeempfängerin bezahlt. Er hat sein Pfarrhaus als Kirchenasylort zur Verfügung gestellt, drei Afrikanern und einer Katze. - - - Buch Federica Peters

Einen dieser Menschen möchte ich mit Namen nennen - er starb am 9. Januar mit 91 Jahren und schrieb bis zuletzt - er schrieb was er gesehen hatte im letzten Jahrtausend und vor allem das, was er sehen konnte in diesem Jahrtausend, mit Augen, die gesehen haben. Die Bücher von Zygmunt Bauman haben mich in diesen Monaten tief beeindruckt. Sein Buch "Liquid Fear - Flüssige Angst" kann uns helfen unsere Augen zu öffnen.
Auf die Frage, was wir tun können, schrieb er - wir sind dafür verantwortlich, zu sehen, was geschieht und - die Hoffnung lebendig zu erhalten.
Was für eine Hoffnung sollte das sein in dieser Zeit??? - fragte man ihn.
Die Hoffnung eines Menschen, der eine Flaschenpost ins Meer wirft. Er weiß nicht, ob, wann, wo, wen sie trifft und ob jemals jemand sie öffnet und auch noch versteht, aber er schreibt und wirft sie ins Freie,
gibt ihr damit eine Chance über das hinaus, was er selbst tun und überblicken kann.

Wie weiter
Seit zwei Tagen bin ich wieder in meiner zweiten Heimat - Ecuador.
Ob ich gut angekommen bin, fragt mich jemand. Bin noch dabei - das dauert. Gestern bin ich in Coca gelandet, im Amazonasgebiet. Morgen geht es weiter den Fluss hinunter in verschiedene Dörfer - sehen, was ist - bis zum Sonntag. Da komme ich voraussichtlich in Rocafuerte an, in meiner alten und neuen Wohnung.
Von dort aus werde ich in der Erwachsenenbildung tätig sein mit den indianischen Menschen vom Volk der Naporuna - wenn möglich in der Fernschule und in der Pastoralarbeit - „Cuentos Salvajes“ - „Geschichten aus der Wildnis“ - veremos - wir werden sehen - - -

Dank
an alle von euch und Ihnen, die mir diese neue Vertragszeit von 3 Jahren ermöglicht haben - keineswegs selbst-verständlich - - -
Dank an mein Heimatbistum Aachen, das die Federführung übernommen hat.
Dank an das Erzbistum München-Freising und an das Lateinamerika Hilfswerk Adveniat, die ideelle und finanzielle Unterstützung einbringen. Dank an die Menschen in der AGEH, die organisatorisch meinen Einsatz möglich machen.
Dank an das Vikariat Aguarico, das mich als Fremde, als Ausländerin, als Teil von ihr in seine Welt aufnimmt. Rio-Napo

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Friederike auf facebook auf Bitten vieler endlich auch in Kurzform bei Facebook

Fotos findet man unter:    http://www.rio-napo.com/fotos.html

 


 

April 2016/ Ein Projekt geht zu Ende - Der letzte Rundbrief

Für mich ist die Zeit des Abschieds gekommen. Mein Vertrag ist zu Ende. COMUNDO konzentriert seine Kraft auf andere Länder und wird nicht weiter in Ecuador arbeiten. Allen, die mich in den letzten 7 Jahren unterstützt haben mit Gedanken, Worten und Werken, ein ganz herzliches Danke!

... zum Rundbrief ...abschied

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Aufsatz im Buch "LOS DERECHOS DE CADA DIA" erschienen

Buch Cover INCHIPILA Y SUS PANAS EN EL MUNDO MILENARIO -El Derecho a la Educación en el Bajo Napo – Orellana/ DER KLEINE TIGER UND SEINE FREUNDE IN DER WELT DER JAHRTAUSENDSCHULEN heißt der, als viertes Kapitel des Buches “LOS DERECHOS DE CADA DIA”, erschienene Aufsatz. Am Napofluss werden alle Eltern angehalten, ihre Kinder in die neuen Jahrtausendschulen zu schicken. Kleine Dorfschulen werden geschlossen. Was der kleine Tiger und seine Freunde dabei erleben und wie die eleganten Jahrtausendschulen ihnen den Weg zur eigenen Entwicklung und der Entwicklung ihres Volkes verbauen, können die LeserInnen hier miterleben. Im Buch "Los Derechos de Cada Día" (Die ganz alltäglichen Rechte) zeigt die Menschenrechtskommision der Provinz Orellana auf, wie der ganz alltägliche, angeblich ganz normale Wahn-Sinn, im wichtigsten Erdölfördergebiet des Landes die Menschen um ihre Rechte bringt. Gerade weil technischer Fortschritt und moderne Entwicklung konstruiert und zur Schau gestellt werden, fallen Rechte und Würde der real existierenden Menschen durch alle Netze. ....

[pdf] download des Aufsatzes (in spanisch)

... zu den Details des Buches

Doppelklick zum Vergrößernjahrtausendschule

2016 zu Ostern/ Wahrheit und Lüge - Eine Traumreise

DschungelStell dir vor, du gewinnst DIE ganz große Reise – DIE TRAUMREISE - nach Costa Rica – ein verlängertes Osterwochenende in die Karibik, in den wundervollsten Regenwald der Welt – sagt der Prospekt - all inclusiv – natürlich. Stell dir vor, es wird ernst – der große Tag ist endlich da – mit 39 anderen Gewinnern steigst du ins Flugzeug und fliegst zum ersten Mal in deinem Leben – hoch über den Wolken – dir fehlen die Worte – viel zu aufgeregt – Landung – Bus zum Sternehotel mitten im Urwald – ein Kolibri vor deiner Nase – die Kamera – Wo ist bloß die Kamera? – Da ist sie, aber der Kolibri ist nicht mehr da. Macht nichts. Da sind noch mehr – und Affen - Bruellaffeund du gehst durch diesen Wald und alles ist grün – gigantisch grün – Wasserfall – Hängebrücke – Bad im Fluss, glasklares Schwarzwasser aus dem Urwaldmoor - abends Buffet und Cocktail – soviel du willst – Tanz – Rítmo Tropical – und noch zwei Tage vor dir, einer gigantischer als der andere – du glaubst zu träumen
und – aus der Traum!!! – bei der Rückreise am Flughafen werden die Costa Rica Plakate weggeräumt vor deinen Augen. Die Reiseleitung sagt dir, es sei wirklich ein Traum gewesen, denn in Wirklichkeit warst du gar nicht in Costa Rica, sondern in deinem eigenen Land.
Man wollte dir zeigen, wie traumhaft schön dein eigenes Land sei.

Liebe Freunde/innen, liebe Leserinnen und Leser,
Die Geschichte von der Traumreise ist eine wahre Geschichte. So geschehen vor einem Jahr, zu Ostern 2015 hier in Ecuador. Die nationale Fluggesellschaft und das Tourismusministerium wollten den inländischen Tourismus fördern mit einer spektakulären Aktion. Ein offizielles Video der Traumreise sollte anschließend als Werbematerial verwendet werden. (https://www.youtube.com/watch?v=1VrWCYUUkUU) Aber die Enttäuschung war einfach zu groß. Verärgerte Reisende protestierten genauso wie die Regierung Costa Ricas. Sie sahen sich in ein entwürdigendes Spiel verstrickt. Die Aktion wurde umgehend zurückgezogen.
Dabei hatte das Tourismusministerium doch nichts anderes getan, als was ecuadorianische, costaricanische, deutsche und andere Institutionen und Privatmenschen ständig tun. Seitdem das Smartphone Teile der Welt erobert hat, tun sie es immer öfter, mehr, schneller, weiter, grösser, bunter, reicher, besser ...
Sie stellen sich dar und mit "kreativen" Fertigprogrammen wird das Image, das Bild vom eigenen Bild aufgeputzt.
Traum und Wirklichkeit – wo ist die Grenze? Brauchen sie überhaupt eine Grenze? Wieso? Oder zählt einfach das, was schön und teuer ist und man sich trotzdem leisten kann – egal ob aufgeputzt oder gewachsen - - - Oder muss man grad deshalb aufputzen, weil Schönheit so selten wachsen darf - - -
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In der Kar- und Osterwoche werden in den christlichen Kirchen die Todes- und Auferstehungserfahrungen Jesu vorgelesen, nachgehört. Da fragt Pilatus, der Repräsentant der mächtigsten Regierung der Welt, als er nicht mehr weiterweiß, den Straßenpropheten Jesus (Jn 18,38): "Was ist Wahrheit?" Jesus schweigt - - - Pilatus, heißt es (MT 27,24), wäscht sich demonstrativ die Hände, an denen doch gar kein Blut klebt - - - Das Blut klebt später am Kopf Jesu, nachdem Pilatus seine Soldaten der Sache die Krone hat aufsetzen lassen.

DIE WAHRHEIT UND DIE LÜGE.(Afrocubanischer Mythos – erzählt im Film "La Ultima Cena", Cuba 1976). Als Gott die Welt erschuf, war alles sehr gut. Er machte alles, er machte das Gute und das Böse, die Wahrheit und die Lüge. Die Wahrheit machte er schön und leuchtend wie das Licht, die Lüge machte er dünn und hässlich. Aber, damit sie sich verteidigen könne, gab er ihr eine Machete, scharf geschliffen. Die Menschen lebten gut und alle waren auf Seiten der Wahrheit, bis – Eines Tages – trafen sich die Wahrheit und die Lüge auf dem Weg und, weil sie sich nicht leiden konnten, fingen sie sofort an zu streiten. Hin und her und vor und zurück und - zack – mit ihrer Machete schlug die Lüge der Wahrheit den Kopf ab, mit einem Streich. Oh jeh, oh jeh, - oh jeh, oh jeh – die Wahrheit hatte den Kopf verloren! Ölarbeiter bepflanzen einen GartenBlind um sich tastend versuchte sie, ihn zu finden. Wo ist er? Wo ist der Kopf? Hin und her und vor und zurück – alles dunkel - da!!! – da fühlt sie endlich Haare, Nase, Augen. Mit einem Ruck zieht sie den Kopf zu sich heran und setzt ihn schnell auf ihre Schultern. Seitdem läuft die Wahrheit mit dem Kopf der Lüge durch die Welt.
(Bild – Mitarbeiter der Erdölfirma pflanzen als Entschädigung für Urwaldzerstörung einen Garten nach Plan für das Tourismusprojekt der Naporuna.)
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Auch die Lüge hat inzwischen natürlich den verlorenen Kopf der Wahrheit gefunden und aufgesetzt, aufgeputzt natürlich, sieht echt gut aus, erstklassiges Design. Damit müssen wir dann wohl leben, oder??? Können wir lernen zu unterscheiden zwischen Wahrheit und Lüge? Sein oder Schein – das ist hier die Frage - - -
Rio Napo EcuadorFür die Menschen am Napofluss, mit denen ich lebe, ist sie zur Frage von Sein oder Nicht-Sein geworden. Wenn die sogenannte moderne Entwicklung wie z.B. Schulen, Arbeitsplätze, Umweltschutz, Landreform, Demokratie, Volksbefragung, Kommunikationstechnik, Gesundheit - - - weit mehr Schein als Sein sind – macht der schöne Schein den Protest unmöglich – denn offiziell – Videos und Fotos liefern den Beweis - ist doch alles wunderbar!!! Keine Krise in Sicht!!! - Daran geht ihr Volk zugrunde, verschwindet wie der Nebel der Urwaldmoore, die am Abwasser der Erdölcamps, das unter der Wasseroberfläche eingeleitet wird, zugrunde gehen. Ihre Identität, ihre Würde, das einzigartige Bild Gottes, das nur die Naporuna in diese Welt bringen können, löst sich in Wohlgefallen auf – - -
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Als Jesus aufsteht, ist er für seine Freundin Magdalena nicht mehr wiederzuerkennen - - -
Er ist der Friedhofsgärtner, der auch in diesem Totenland noch in einen blühenden Garten wachsen lassen kann, in dem Lebende und Tote Frieden finden können (Jn 21,11-18). Er ruft sie beim Namen und plötzlich sieht sie die Wahrheit vor sich - einen Augen-Blick lang, den sie nicht festhalten kann - - -
Federica Peters

 

...der gesamte Rundbrief in [pdf]

 

2016 / DANKE!

Liebe Leute,

mit diesen Fotos aus unserer Arbeit im Jahr 2015 möchte ich euch gaaanz herzlich DANKE sagen für die Spenden, die ich von euch bekommen habe. Sie bedeuten, dass ihr mittragt und mir Mut macht.
Federica Peters

[Pfarrer Juan Carlos
und unserm Pfarreiboot]

 

 

Transportfloss auf dem Rio Napo

 

 

[die Transporte für den Erdölabbau gehen weiter]

endlich Abitur

 

 

 

 

 

 

 

 

[endlich Abitur - - - nach 1001 Nacht]

 

 

 

 

 

 

 

 

[auf dem Weg zur Versammlung und Messe]

 

 

 

 

[lecker... Schokoladenpaste aus eigener Herstellung, ---aber wie weiter????]

 

 

 

[nach der Taufe]

 

 

 

 

 

 

 

 

federica bei der Arbeit

 

 

 

 

 

[frisches Schweinspeck zu Weihnachten]

 

 

 

...der Brief in [pdf]

 

2015 / Spät - Eine Weihnachtsgeschichte - Viel zu spät

ecuador maedchenDieses Jahr im Advent, als die Engel im Himmel sich bereit machten, nach Bethlehem zu fliegen – wurde der jüngste traurig und trauriger. Mit seinen kleinen Flügelchen würde er nicht nach Bethlehem fliegen können. Der Weg war einfach zu weit. Was sollte er bloβ machen?
In einer Pfütze sah er sein Spiegelbild und fing an zu weinen, denn zu allem kam noch dazu, dass die Flügel ihre Federn zu verlieren begannen.
"Hey Junge, was machst du denn immer noch hier?" fragt hinter ihm die tiefe Stimme Gabriels, seines Lehrers. "Ich kann nicht nach Bethlehem fliegen – ich wollte doch sooo gern das Kind sehen – und jetzt - - - "
"Junge, wenn du nicht fliegen kannst, kannst du zu Fuβ gehen." sagt Gabriel und bevor der Junge fragen kann, ob das ernst gemeint ist, ist Gabriel schon weg.
Wenn du nicht fliegen kannst, kannst du zu Fuβ gehen – zu Fuβ gehen – zu Fuβ – - -
Nein --- aber --- schlieβlich ---
Ja, --- kann ich --- mach ich --- komme, was da wolle ---
Schritt für Schritt, Tag für Tag kommt er ein Stückchen weiter – durch Wälder und Berge, Meere, Wüsten und Städte. Er geht durch Herzen und Versammlungen, Kämpfe und Tänze, kluge Köpfe und Dickschädel, Schmerz, Liebe und die Einsamkeit die so furchtbar ist und so groβzügig. Jedem Menschen, der eine Spur in seinem Herzen hunterlässt, schenkt er eine der letzten Federn seiner Flügel.
Und seltsam – er fühlt gar nicht mehr die Müdigkeit des langen Weges – jeder Tag gibt mehr Energie.
Und als er von weitem endlich den Stern über der Hütte von Bethlehem sieht, stehen vor dem Tor der Hütte ein paar Kamele gerade auf, ihre Herren auf dem Rücken. Sie machen sich auf den Rückweg Richtung Osten, um die gute Nachricht weiterzugeben von einem Kind – - -
Ein Esel wartet auf mehr Lasten. Die Geschenke sind eingepackt.
Der Glanz ist ebensoschnell verschwunden wie der Überflug der Engel und die Musik der Hirten. Viel zu spät, um Weihnachten zu feiern – denkt der Junge.
Und als das Kind auf den Armen Marias aus der Hütte kommt, um auf den Esel zu steigen und nach Ägypten zu fliehen – begegnen sich ihre Augen. Der Glanz ist so stark, dass der Junge seine Augen schliessen muss – so klar! Und als er sie wieder öffnet, kann er in diesen Augen sein Bild sehen – das Bild eines Jungen, der Mensch geworden ist wie Jesus.
Gemeinsam mit Jesus geht er nach Ägypten und gemeinsam kommen sie zu uns.

überliefert; bearbeitet: W. Hoffsümmer und F. Peters

Liebe Leserin/ lieber Leser,
Was hat der Junge wohl gesehen, als er am Napofluss entlang ging?
Was sehen das Kind und der Mensch, wenn sie uns hier in Ecuador besuchen – spät nach Weihnachten???

Ich weiβ es nicht, aber ich kann euch spät nach Weihnachten etwas von dem schreiben, was ich hier sehen und miterleben konnte konnte dieses Jahr.

Es war für mich ein sehr intensives Jahr, das verrann wie im Flug und, wenn nicht mein Kalender wäre und das Tagebuch, in dem wenigstens Orte und wichtige Stichpunkte aufgeschrieben sind, wäre es schwierig zu erinnern, was ich nun tatsächlich alles erlebt habe.
Wichtigster Merkmal: D. U. = DAUERND UNTERWEGS
Soviel wie in keinem Jahr vorher war ich am Fluss unterwegs und zwischen Coca und Rocafuerte. Kaum eine Woche hab ich am selben Ort verbracht. In der ersten Jahreshälfte habe ich die Fernschulgruppe in Samona weiter begleitet, etwa 8-10 Tage pro Monat bis zum Abiturabschluss.
Das ganze Jahr über war die erste Woche des Monats für pastorale Dorfbesuche mit jeweils verschiedenen Teammitgliedern aus Rocafuerte reserviert. Dann fahren wir mit dem Pfarreiboot von Dorf zu Dorf, feiern Sakramrnte, sprechen über die Situation der Menschen, úbernachten in den Häusern und versuchen soviel wie möglich zu verstehen, von dem was geschieht. Wo wir können, stehen wir mit Rat und Tat zur Seite oder, was viel öfter der Fall ist, versuchen, gemeinsam die enorm wachsende Ohnmacht auszuhalten und die Wut über das, was hier Menschen, Fluss und Land kaputt macht, ohne das wir es ändern könnten.
Ausserdem gaben Turismusgruppen und ein zweiwöchiger Englischkurs mir die Möglichkeit wieder mehrmals mitten im tiefen Urwald die Natur, Lagunen, Sternenhimmel, Menschen, Tiere und Planzen ganz direkt auf mich einwirken zu lassen.
Eine Aktivität des Jahres möchte ich etwas genauer beschreiben:
(Karikatur: Hans Traxler - Wendekreis 2/2015)
Zum Ziel einer gerechten Auslese lautet die Prüfungsaufgabe für Sie alle gleich:
Klettern Sie auf den Baum!

Als diese Karikatur Anfang des Jahres im Wendekreis erschien, konnte ich zwar ahnen, aber noch nicht wirklich glauben und erst recht nicht mit Haut und Haaren durchleben, was es bedeutet, wenn sie nicht mehr als Scherz verstanden wird, sondern bitterer Ernst wird.
Im Juni saβ ich auf dem Stuhl des Lehrers in Samona und versuchte in einem Monat Walroβ, Goldfisch und Elefant beizubringen, auf den Baum zu klettern. Alle wussten wir, es wird vergeblich sein! Alle wussten wir, wenn wir es nicht schaffen, werden die SchülerInnen trotz jahrelanger Anstrengung keinen Schulabschluss bekommen und damit keine Arbeitsstelle.

Was war geschehen, was geschieht da?
Mit enormer Anstrengung, Aufstockung der Sozial- und Bildungsausgaben sowie der entsprechenden Spezialisten hat der Staat seit 7 Jahren ein modernes, globalisiertes Bildungssystem aufgebaut, das auch den Vergleich mit der Pisastudie und anderen internationalen Meilensteinen nicht scheut und bei der UNO hochgelobt und als Vorbild dargestellt wird.
Problem: Nur die Affen und Vögel passen ins System – alle anderen sind drauβen!!!
Und am Napofluss sind fast alle drauβen! Bei Zentralabitur per Internet und Computer, den kaum jemand bedienen kann, im Multiplechoice-Verfahren in Fächern, die die SchülerInnen bis dahin nur als Randfach gelernt hatten, haben sie keine Chance! Im Namen von "Gleiches Recht für alle!" sind hier fast alle drauβen!
Da die zu erwartende Durchfallquote für das internationale Ansehen dann doch doch wohl zu hoch war, wurden eine Woche vor der Prüfung die Regeln dahingehend geändert, daβ niemand durchfallen konnte!!! – reiner Gnadenakt, denn die Prüfungen mussten wie geplant durchgeführt werden.
Elefanten, Fische und Walroβ saβen im Juli unter dem Baum mit dem Abizeugniss in der Hand und im Kopf den Glauben, sie seien dann doch wohl zu dumm im Vergleich mit all den Vögeln und Affen, die es geschafft hatten, auf den Baum zu kommen.
Wie geht das weiter?
Nicht abzusehen – das Land ist extrem spannend zur Zeit in jeder Hinsicht – - -
Die Regierung will die Modernisierungsanstrengungen um jeden Preis durchziehen, ohne jede Rücksicht auf die Mehrheit der Bevölkerung, die zunehmend durch alle Netze fällt. Dazu kommt die wirtschaftlich-politische Krise, ausgelöst durch den niedrigen Ölpreis. Aber Gesichtsverlust wäre das schlimmste – denn das bedeutete politischen Verlust bei den Wahlen die 2016 vorbereitet werden und Machtverlust. Also besteht der Präsident darauf, keine Krise zu haben. Wer etwas anderes zu sehen meint, gehört zur Oposition und die kann es in einem so gut aufgestellten Land doch eigentlich gar nicht geben, darf es nicht geben – oder sonst - - -

Wie geht es weiter mit der Fernschule?
Am Fluβufer wird sie weitgehend geschlossen, denn es ist unmöglich und sinnlos die Bedingungen der Regierung erfüllen zu wollen. Und Zeit und Raum für wirkliche Erziehung, angepasst an Menschen und Ort, gibt es nicht mehr. In der Stadt Coca, wo die Möglichkeiten, die Erziehungsanforderungen der Regierung zu erfüllen, etwas grösser sind, geht es weiter. Abitur geschafft

Wie geht es weiter mit mir?
Meine Mitarbeit in der Fernschule ist seit September beendet. Die Pastoral geht weiter. Dazu gekommen ist die verstärkte Sammlung, Erstellung und Aufarbeitung von Materialien: Fotos, Mythen, Geschichten und Reflexionen zur Situation. Sie sollen 2016 veröffentlicht werden und hoffentlich den Menschen weiterhelfen, zu verstehen, was geschieht und zu entscheiden, was getan werden kann und muss und was zur Zeit nicht möglich ist.
Meine Arbeitszeit hier geht dem Ende zu. 2016 beendet COMUNDO die Zusammenarbeit mit Ecuador, um sich auf andere Länder zu konzentrieren.
Bis Ende März werde ich weiter unter Vertrag sein. Dann ziehe ich mich einige Monate zurück, um meine Materialsammlungen in Ruhe fertigzustellen und unters Volk zu bringen.
Danach kehre ich nach Deutschland zurück – aber bis dahin - - -
Federica Peters

...der gesamte Rundbrief in [pdf]

2014 / Feuer und Wasser

Was machen Sie zu Weihnachten? Was machst du?rio-napo
Urlaub planen – wie viele andere auch in Deutschland und in der Schweiz in diesen Tagen!? Und natürlich Urlaub machen – auf jeden Fall ein paar freie Tage mit der Familie verbringen.
Hast du schon mal Urlaub im Erdölland gemacht???
Haben Sie schon einmal Urlaub ohne Erdöl gemacht???
Ja! Nein! Aber…
Aber - hier leben sie nicht friedlich aber unwiderruflich nebeneinander wie Feuer und Wasser – Erdöl und Tourismus –
Viel hat sich verändert in den letzten Monaten am Unteren Napofluss. Von den 22 indianischen Dörfern und Zentren in der Zone Rocafuerte sind nur noch 2 vom Erdölabbau verschont. In 14 wird seit 2013 vermessen, gebaut und/oder gebohrt. In 2 Dörfern wird bereits seit mehr als 20 Jahren Öl gefördert. Erdoel-Yasuni Die 4

Kleinstädtchen der Zone drehen sich um die Erdölgesellschaften und die unzähligen Institutionen, die begleitende Groß- und Kleinprojekte planen und einführen wollen – natürlich zugunsten der Bevölkerung – - - was sonst !!!?
Sonst gibt es da noch die Interessen der internationalen Wirtschaft und Politik, die natürlich berücksichtigt werden müssen, so dass die Interessen der natürlichen Bevölkerung natürlich nicht immer so gesehen werden können, wie es not-wendig wäre, um deren Not zu wenden.

Feuer und Wasser - - -
schiffe_rio-napoDa kannst du den Tourismus ja wohl vergessen!!!
Hab ich mir gedacht – hast du dir gedacht!? – FALSCH!!!
Die Runa-Indianer haben mich eines besseren belehrt – JETZT ERST RECHT!!!
Eine Reihe von Dorfgemeinschaften besteht darauf, den Tourismus auszubauen und damit sowohl alternative Arbeitsplätze zu schaffen, als auch auf dem Schutz der einmaligen Urwaldlagunen und Moorgebiete in ihren Landstreifen zu bestehen. Solange Touristen diese Natur sehen, er-fahren und erleben wollen und damit die Wirtschaft angekurbelt werden kann, werden einige Lagunen die Chance bekommen, so intakt wie möglich erhalten zu werden – zumindest eine Zeit lang.
Tourismus als lebensrettende oder zumindest lebensverlängernde Maßnahme?!!!
Feuer und Wasser …

Ja, in den großflächigen Indianerterritorien ist es noch immer möglich, die Amazonasflüsse Yasuní, Tiputini, Aguarico und Napo, die Lagunen, die einmalige Pflanzen- und Tierwelt zu erleben. Die Menschen (= Runa), die diese Welt beleben, laden Gäste und Touristen ein, an ihrem Gemeinschafts- und Kulturleben einen Augen-Blick teilzunehmen.
In den Runadörfern gehört ein Tourismusprojekt nicht einem Einzelnen, sondern dem ganzen Dorf. Eine Gruppe von Interessierten schliesst sich zusammen, um das Projekt zu leiten und für den hoffentlich guten Erfolg zu sorgen. Der Gewinn geht an die, die dafür gearbeitet haben, zu einem kleineren Prozentsatz an die ganze Dorfgemeinschaft und zu einem weiteren – an die Tourismusagentur. Urlaub-im-Urwald
Da sitzt der Angelpunkt oder eben der Haken – was macht der "Urlaub in einer indianischen Dorfgemeinschaft im Amazonasgebiet" wenn keiner kommt??? Tourismus ohne Touristen???
Wie kommt man aber an Touristen, wenn das Internet nur im umzäunten Camp der Erdölgesellschaft funktioniert oder im Sprachlabor des Millenniumsgymnasiums der Regierung in Nuevo Rocafuerte, nicht aber im Dorf selbst??! Wir arbeiten dran! – heißt es in offiziell unterrichteten Kreisen…
Wir haben auch dran gearbeitet – in den letzten Monaten haben einige Menschen und auch ich unter anderem daran gearbeitet, eine deutsche Reiseagentur in der Hauptstadt Quito mit einem Tourismusprojekt am Napofluss zu verbinden. Das Ergebnis lässt sich hier sehen. Ob es auch mit Leben gefüllt werden kann, hängt von den Menschen ab, die sich anstecken und überraschen lassen wollen von diesem einmaligen Stückchen Welt aus Feuer und Wasser…
Als nächstes sind drei Angebote geplant. Das Tourismusprojekt "Sacha Ñampi" in Alta Florencia bietet seine "Yasuní Tour" (... mehr Details hier; auf Spanisch) zu den folgenden Zeiten an:
jeweils Montag bis Freitag
06. - 10. April 2015
25. – 29. Mai 2015
06. – 10. Juli 2015

Die zwei ersten Wochen werde ich höchstwahrscheinlich selbst als Übersetzerin begleiten und hoffentlich nicht nur die Sprache, sondern auch etwas vom Lebensgeschmack dieser Welt hin-über-setzen in die deutsche Lebenswelt. Die dritte Woche wird vermutlich ein junger Mann aus dem Dorf begleiten, der sich nach einem Englisch-Intensivkurs mit mir entschloss, sechs weitere Monate Englisch intensiv in Quito zu lernen.
Falls jemand von euch und Ihnen auf den Geschmack kommt und mitfahren will, kann man die Reise über das deutsche Reisebüro mit Sitz in Quito buchen:
EGT - ECUADOR GALAPAGOS TRAVELS
Anfrage über: info@egt.ec Die Webseite der Agentur bietet auf Deutsch, Englisch und Spanisch alle notwendigen Daten und jede Menge weitere Möglichkeiten, Ecuador kennen und schätzen zu lernen (www.EcuadorGalapagosTravels.ec).Urlaub-Rio-Napo
Feuer und Wasser …
hat auch das Weihnachtsfest in sich –
ein Runakind (= Menschenkind) wird geboren – das zählt 0 hier im Land der großen Dollars und der Ölbarrels. Ob das noch jemals genug Wald haben wird, um zu überleben, interessiert nicht. Ob es jemals Bildung bekommt, die nicht nur auf dem Propagandapapier steht – weiß keiner --- Dass seine Eltern die erhoffte Arbeit im Erdölsektor nicht bekommen – das ahnen sie bereits.
Runa-KindEin Runakind (= Menschenkind) wird geboren –
das genug Feuer in sich hat, um andere anzustecken mit Leben und genug Wasser aus dem eigenen Brunnen schöpfen kann, um anderen den Durst zu stillen und sie zugleich durstig zu machen nach dem eigenen Brunnen, der den Himmel in uns mit der Erde um uns verbindet.
Am Fluss werden in dieser Zeit viele Kinder getauft – ihre Eltern wollen, dass sie mit Feuer und Wasser getauft werden, um geschützt zu sein gegen Gefahren von außen und innen. Das Kind Jesus soll sich dieser Kinder annehmen. Der Wawki (Bruder) Jesus soll sie durchs Leben führen – Leben in Fülle soll es sein – Sumak Kawsay – das versprechen die Erdölgesellschaften auch, auf Hochglanz gedruckt – aber es geht auch anders:
Karan puncha Jesus pakarin – karan runapi
Jeden Tag wird Jesus geboren – in jedem Menschen.

Zu Weihnachten, Friederike Peters

...der gesamte Rundbrief in [pdf]

2014 / Weil wir Menschen sind

Während meines Deutschlandaufenthalts Anfang des Jahres bat mich jemand, doch einmal etwas zu schreiben zum Thema Armut in der Kirche – in Ecuador und in Deutschland. Das Ergebnis möchte ich euch und Ihnen zu Pfingsten schicken mit einem herzlichen Gruß. Der erste Teil bezieht siuch auf meine vorherige Arbeit mit den Afroecuatorianern/innen, der letzte auf die jetzige Arbeit mit den Naporuna – dazwischen Deutschland …

Kleingeld, Klopapier & Knochen Armut in der Kirche

Als die Versammlung zu Ende ist, geht es hoch her in der Küche. Die Frauen, die das Regionaltreffen mit anschließendem Essen organisiert haben, stehen an der Spüle und trennen organischen Müll, Servietten und die gut abgenagten Knochen der vielen Hühnerbeine, die heute in dutzende Mägen verschwunden sind. Die Knochen kommen in eine große Schüssel.

Dann geht es los - Doña María erklärt mit lauter Stimme, dass sie diesmal die Knochen mitnehmen wird. "Nein! Du warst schon vorletztes Mal dran!" hält Doña Clemencia dagegen. "Aber ich hab das ganze Jahr noch keine mitgenommen! Jetzt bin ich auch mal dran!" ruft Doña Piedad. "Compañeras, Leute - lasst uns doch auf der Liste nachsehen. Wo ist Soledad? " fragt die Gruppenleiterin Doña Ana und ruft nach der Sekretärin der Gruppe. Natürlich hat Soledad ihre Tasche mitgebracht mit dem dicken Heft, in dem alle Ereignisse, Listen und Abrechnungen der Gruppe notiert werden. "Wer hat die letzten Male die Knochen mitgenommen? Sieh mal auf der Liste nach." Soledad liest die Namen derer, die dieses Jahr schon dran waren und demnach wäre heute wohl Mercedes dran. Protest!!! "Mercedes nimmt immer die Knochen mit, wenn sie für die Straßenarbeiter kocht." "Mercedes, das musst du doch einsehen!" "Laß uns auch mal!"

So geht es noch eine Zeit weiter bis die Gruppe sich geeinigt hat und Elena heute die Knochen mitnehmen darf für die Hunde im Haus am Rand der großen Stadt, wo sie ein Zimmer gemietet hat mit ihrer siebenköpfigen Familie. Natürlich müssen die Knochen noch einmal gewaschen und in einer Eintopfsuppe gut durchgekocht werden bis auch der letzte Fleischfetzen von jedem Knochen gefallen ist. Knochenenden sind sehr gesund und helfen den Kindern beim Wachstum. Die Hunde werden sich freuen über die Knochenreste und die Kinder über die Suppe.

Meine einheimische Kollegin Feliciana, die das Versammlungshaus der Kirchengemeinde führt, sieht in allen Räumen nach, ob noch irgendwo Müll herumliegt oder etwas kaputt gegangen ist. Nein, alles klar - wie immer fehlt jeder Fetzen Klopapier in den Toiletten und die Papierkörbe, in die man das gebrauchte Klopapier wirft, sind fast leer – wie immer haben die Gäste alles erreichbare saubere Klopapier mitgenommen, sorgfältig gefaltet in ihren Hosen- und Rocktaschen. Das wird Zuhause dringender gebraucht. Klopapier kann man für viele Sachen brauchen, das ist viel zu wertvoll, um hier hängenzubleiben und zu teuer zum Kaufen. Das Kleingeld braucht man für dringendere Dinge.

Doña Elena hätte es heute gebraucht, um mit dem Vorstadtbus fahren zu können. Sie muss außer den Knochen ja auch noch die drei großen Kochtöpfe von je 20 Liter wieder mit zurücknehmen und den Frauen bringen, von denen die Organisatorinnen sie ausgeliehen hatten für das Treffen. Der vom Staat subventionierte klapprige Bus kostet 25 Dollarcent. Elena hat nur einen 5 Dollarschein, das ist alles, was ihr für diese Woche geblieben ist. Der Busfahrer kann nicht wechseln. Keine Chance – Elena muss zu Fuß gehen. Sie geht am Markt vorbei und will etwas Reis mitnehmen - 2,50$. Und wieder kein Kleingeld! Die Reisverkäuferin hätte gern noch was verkauft und geht bei anderen Marktfrauen fragen, ob die wechseln können. Nein, die einen haben selbst kein Kleingeld und die anderen geben ihr nichts, weil die Reisverkäuferin von anderen Wechselgeschäften noch Schulen hat. Elena muss weiter suchen. Am Straßenrand sitzt Olga. Sie hat drei Häufchen Maniokwurzeln vor sich liegen zum Verkaufen. Eins bekommt Elena. Obwohl auch Olga kein Kleingeld hat, muss sie helfen, denn Elena hatte ihr letzte Woche die 3,50 $ geliehen, die sie dringend brauchte für den Tank mit dem Haushaltsgas. Womit hätte sie sonst kochen sollen? In Elenas Zimmer gibt es heute Abend eine gute Hühnersuppe mit Maniokwurzeln.

Kleingeld, Klopapier & Knochen gehören zu den wichtigen, aber seltenen Dingen des ganz normalen Lebens für viele Menschen. Solange diese drei K noch soviel Zeit und Energie beanspruchen, ist die Armut in Ecuador noch nicht ausgerottet. Wird sie es jemals sein???

Ist sie es in Deutschland??? Bei meinem letzten Aufenthalt in Deutschland ist es kurz vor Sylvester. Beiläufig höre ich jemanden reden, vom Sekt, den man noch besorgen muss für die Party und dem Kollegen, der dieses Jahr das Neuste kauft – "Hast du schon gehört? Es gibt jetzt Sekt mit Goldstaub, der sieht toll aus, wenn er im Glas prickelt. Den gibt es im Gourmetladen in der Innerstadt." Nein, das hatte ich noch nicht gehört, aber die vielen neuen Gourmetläden und Gourmettheken in den Supermärkten und auf den Bahnhöfen waren mir auch schon aufgefallen. Essen ist Kult und Kaffee ist Kult im winterfest beheizten Straßencafé vor der Großbank von der man nicht weiß, ob sie noch zu retten ist oder, ob sie mit Steuergeldern doch noch gerettet werden kann.

In Deutschland sind es die drei G über die man spricht, die im Trend liegen, wichtig, aber nicht mehr selten – Großbank, Gold & Gourmet.

Aber da ist auch ein K im Gespräch in Deutschland, in heißen Debatten und kaltem Schulterzucken – K wie Kirche! Nach langer Diskussion um die Missbrauchsskandale, geht es jetzt auch hier um die drei G. Großbank, Gold & Gourmet in der Kirche, Geld und Gehälter, Reichtum und Armut, Lebensstil und Lifestyle. Kirche, das sind die da in Limburg, Köln und Rom, die ihre Residenz mit Gold verzieren, die seit Jahren den Rekord halten für das reichste Bistum der Welt und den, der plötzlich die roten Schuhe auszieht, mit der alten Aktentasche in der Hand durch die Straßen spaziert und bei seiner ersten Gründonnerstagsmesse die Priester aufruft, Hirten zu sein mit dem Geruch nach Schaf statt eine Art Antiquitäten- oder Neuheitensammler.

Ist das alles? Alles, was die Kirche zu bieten hat? Kirche, das sind wir alle - alle Getauften – und Gott weiß, wer sonst noch - - - Kirche das sind wir hier in Ecuador bei der Hühnersuppe und wir hier in Deutschland beim Gourmetfrühstück.

Wenige Tage bevor er zum Papst Franziskus gewählt werden wird, schreibt Kardinal Bergoglio aus Lateinamerika an seinen lateinamerikanischen Kollegen Kardinal Ortega etwas über uns:

"Die Kirche ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen und an die Ränder zu gehen, nicht nur die geographischen, sondern auch die existenziellen: die des Geheimnisses der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, der religiösen Gleichgültigkeit und Entbehrlichkeit, die des Denkens, die allen Elends." Einige Monate später, am 26.7.2013, spricht er in Rio de Janeiro mit den jungen und jung gebliebenen unter uns: "Eines will ich sagen. Was erwarte ich als Konsequenz des Weltjugendtags? Ich erwarte Durcheinander. Dass es hier drinnen Durcheinander geben wird, das wird es geben, dass es hier in Río Durcheinander geben wird, das wird es geben, aber ich will Durcheinander in den Bistümern, ich will, dass man rausgeht, ich will, dass die Kirche auf die Straße geht, ich will, dass wir uns wehren gegen alle Verweltlichung, alles was Festsetzung bedeutet, oder sei es Bequemlichkeit, oder sei es Klerikalismus, oder sei es Eingeschlossensein in uns selbst … Mögen die Bischöfe und Priester mir verzeihen, wenn einer ihnen ein Durcheinander anzettelt. Aber das ist der Rat. Danke für das, was ihr tun könnt."

Und jetzt? Was können wir tun mit der Armut in unsere Kirche???

Wir leben sie – unfreiwillig – hier in Ecuador und hier in Deutschland. Arm sind die von uns, denen etwas fehlt an Körper, Geist, Seele, Lebensunterhalt, Hühnerknochen, Gerechtigkeit, Recht, Achtung, Lebens-Mittel und, die Macht, daran etwas zu ändern. Arm sind wir, wenn unsere Würde missachtet wird. Armut bringt uns an den äußersten Rand unserer Kraft, der Gesellschaft, der Existenz, des Lebens, des Todes. Oft bleibt uns nichts anderes, als zu schreien: "Das ist ungerecht! Das geht so nicht! Stopp! Hört doch!", aber wir schreien gegen hohle Bäume im Nebel, der auch noch das Echo verschluckt. Andererseits gibt es da einen uralten Weg – noch aus Jesu Zeiten – den er seinen Leuten auf Herz drückte – Armut!!!

Was von da kommt, kann nur freiwillig sein. Freiwilliges fehlen lassen??? Verzichten kann ich nur auf etwas, das ich auch haben kann. Freiwillige Armut kann eine Haltung sein, etwas nicht (mehr) zu brauchen, das ich auch brauchen könnte, sich nicht abhängig zu machen von etwas oder jemand, sich nicht anhängen an etwas oder jemand, keine Anhänger suchen, Macht teilen, Ohnmacht teilen, Hühnerknochen teilen und das Gourmetfrühstück und beides genießen. Aber wieso? Wozu?

Weil wir Menschen sind!
Wegen unserer eigenen Würde, die wir stärken und schützen können, und der unserer Mit-Menschen. Weil wir mit dem, was wir freiwillig teilen, der unfreiwilligen Armut ein Bein stellen können. Denn wir und sie sind mehr als Dreck oder Gold, mehr als Müll oder Nummern. Wir sind nicht nur der Harz IV Empfänger, die Begünstigte oder die Zielgruppe. Wir sind einzigartige Menschen mit Namen und Gesicht. Antonio, mein indianischer Lehrerkollege im Amazonaswald nimmt zwei Neffen in seine sechsköpfige Familie auf mit Kost und Logis, damit die beiden eine weiterführende Schule besuchen können. Das wäre in dem weit entfernten Dorf, aus dem die beiden kommen unmöglich.

Don Salvador kratzt sein letztes Kleingeld zusammen und leiht sich den Rest, damit er vom Amazonaswald in die Hauptstadt Quito fahren kann, um den Leichnam seines Neffen, der ohne Geld und Familie dort im Krankenhaus gestorben ist, aus dem Leichenhaus zu holen und nach Hause zu bringen, damit er nicht in einem anonymen Massengrab verscharrt werden muss. Mit eigenen Händen verschließt er das Grab auf dem Dorffriedhof und ritzt den Namen des Toten in den Zement. Hans Mayer, irgendwo in Deutschland, zahlt seinem Mitarbeiter, der den Gästen das Gourmetfrühstück serviert, einen Mindestlohn, der von Rechts wegen nicht vorgeschrieben, stattdessen aber gerecht ist, damit auch der und seine Familie von seiner Hände Arbeit leben kann. Armut in der Kirche hat viele Gesichter, Namen und Hände. (FP)
...der gesamte Rundbrief in [pdf]

2013 im Rückblick

Schatzsuche am Napofluss in Ecuador -
WAS IST LOS ???!!!

"Wie ging es jetzt eigentlich weiter mit . . .???" fragen mich Rundbriefleser/Innen, Bekannte und Verwandte. Ein Buch zu schreiben käme den Ereignissen des Jahres 2013 wohl näher als diese kleinen Notizen. Aber . . . "In der Kürze liegt (hoffentlich) die Würze!"

FERNSCHULE

Obwohl das erste Halbjahr von der ständigen Sorge geprägt war, die Fernschule müsse schließen,konnten die 10 Dorfgruppen mit ca. 150 Schüler/Innen am Napofluss doch weitermachen und 8 Schüler/Innen das Abitur bestehen. Absolvent der Fernschule Rio Napo

Die Regierung will jedoch weiterhin nur noch Präsenzschulen erlauben mit vielen Schüler/Innen, Lehrer/Innen und Bedingungen, Unterricht Fernschule Rio Napodie nicht dem Amazonasgebiet angepasst und deshalb unerfüllbar sind.

So geht das Ziehen, Schieben, Verhandeln und Abwarten weiter. Weder während noch nach den Sommerferien war klar, wie lange es noch weitergehen darf. Dann wurde 1 Schuljahr Aufschub gewährt mit 8 Dorfgruppen in den zwei städtischen Zentren und in den entferntesten Dörfern. Also weiter geht's! Die Unsicherheit lässt Schüler/Innen und Lehrer/Innen abspringen - andere sagen: Nein! Jetzt erst recht! Jedes Schuljahr zählt und bringt uns weiter!!!

SCHOKOLADE

Ja, es gibt sie und sie schmeckt die Choco Samona und das gleich in mehreren Varianten: "Choco Mishki", die herzförmigen Schoko-Zimt-Pralinen, "Choco Mani", Schokoladenfabrikationdie Erdnuß-Schoko-Stängchen, "Choco Pasta", die Rohmasse für den Trinkkakao und was die Phantasie sonst noch so eingibt. Leider kann alles das nur hergestellt werden, wenn ausnahmsweise mal das vom Staat rationierte Benzin zur Verfügung steht für den geliehenen Stromgenerator, die Wasserleitung auch Wasser gibt und die Gruppenmitglieder nicht gerade an einer Sitzung zur Kontrolle des Hühner- oder Sonstwie-Projektes teilnehmen müssen oder bei der Erdölgesellschaft für den Mindestlohn schuften. Verkauft wird die Choco Samona nur im engsten Umkreis, denn die schwer erstrittene Vereinsanerkennung ist erst wieder gültig,Schokolade machen am Rio Napo wenn man den Prozess beim neugegründeten Ministerium für Solidarisches Wirtschaften wiederholt hat und die Gesundheits-bescheinigung kann natürlich auch erst dann beantragt werden, wenn die Anerkennung des Vereins gesichert ist und wenn sie nicht gestorben sind . . . gibt es Choco Samona doch wieder beim nächsten Fest im Dorf und in den beiden Kreisstädtchen und am Wahlsonntag am 23. Februar 2014 bei der Kreisbürgermeisterwahl, wenn es um die Macht geht am Napofluss und die Hände, in die sie gelegt wird.

 

TOURISMUS

www.rest.ec ist die Webseite (auf englisch und spanisch) des Verbandes für Gemeinschafts-tourismus am Napofluss - ein Blick lohnt sich!!! Rio Napovor allem für Reisebegeisterte und Urwaldfans. Red Solidaria de Turismo de la Ribera del Napo (REST) hat es mit vielen Schwierigkeiten geschafft, drei von vielen Tourismusinitiativen am Napo beim Tourismusministerium in der Abteilung für Gemeinschaftstourismus anerkannt als zu bekommen. Damit können Zancudo Cocha, Llanchama und Alta Florencia jetzt ganz offiziell einsteigen und Verträge mit Gruppen und Agenturen abschließen. Doch wo sind die Brücken über den Ozean??? Wer schlägt Pfade durch die Internet- und Smartphonedschungel der Kunden, wenn damit das reale Abenteuer verbunden ist: dasHoazin Telefonsignal nur unter dem dritten Baum links am Flussufer funktioniert, das Internet am Zaunloch des Erdölcamps, die Englischkenntnisse im Privatgymnasium der Hauptstadt zum Leben erweckt werden und das rationierte Benzin wieder einmal sämtliche Kreativität in Anspruch nimmt, um rechtzeitig am rechten Ort zu sein.

Wer sich jedoch traut, einen Blick hineinzuwerfen in diesen Dschungel, kann Überraschungen erleben, die an verwunschene Paradiese erinnern wie sie in meinem Video von 2013 "Sachapi Kankimi" aufblitzen, oder Minuten später . . .

 

ERDÖL ÜBER ALLES

Wie ein gewaltiges Netz beginnen die Trampelpfade das Land am Napofluss zu durchschneiden. Drei neue, riesige Erdölblocks werden vermessen, um den genauen Ort der Bohrungen zu bestimmen, alle 60 m in Längsrichtung, alle 80 m in Querrichtung ein Pfad. Erdoel Camp SamonaNur die Lagunen sind NOCH ausgeschlossen. Das Vermessungscamp hat seinen Hauptsitz auf den Dorfplatz von Samona gelegt, mitten in das Dorf, in dem ich 2013 Blockunterricht in der Fernschule geben konnte. 1200 Menschen, ein Hubschrauber und zahllose Schnell- und Frachtboote gehen hier nun ein und aus, hinter den Zaun - vor dem Zaun leben die etwa sechs Familien des Dorfplatzes und die etwa 50 am Flussufer. Hinter dem Zaun gibt es Internet per Satellitenanschluss, Telefonsignal, wo immer du willst, aufbereitetes Trinkwasser, 24 Stunden Strom am Tag und die einzige per Monatslohn bezahlte Arbeit am unteren Napo, Mindestlohn - NATÜRLICH!!! Trampelpfade durch den wirklichen Urwaldsumpf schneiden mit dem Buschmesser - Krokodile, Schlangen, elektrische Fische eingeschlossen - diesmal ohne Actionfilm - die Kamera hält die Wirklichkeit nicht aus - oder der Filmer? Wohl aber die Menschen, die ihr eigenes Land durchbohren müssen auf der Jagd nach dem Schatz . . .

Zwei neu in Angriff genommene Erdölblocks liegen mitten im Yasuní-Nationalpark, einem der artenreichsten Gebiete der Erde. Sie wurden vom Parlament zum "Nationalen Interesse" erklärt und dürfen nun ausgebeutet werden - Allein in einem von ihnen, dem ITT, liegen 1/4 aller Erdölreserven des Landes. Im anderen leben kleine Menschengruppen, die sich der westlichen Zivilisation nicht anschließen wollen oder können. Jetzt schließt die Zivilisation sich an sie an - und wenn sie nicht wollen . . .

Der dritte neue Block liegt in der sogenannten Übergangszone des Parkes, da darf ausgebeutet werden, da leben nicht so viele Arten. Da leben vor allem die Naporunas, denen das Land gehört und die deshalb zustimmen müssen, und die brauchen Arbeit . . . auch, wenn es nur der Mindestlohn ist, auch, wenn sie wissen, dass sie sich selbst den Grund unter den Füssen zerschneiden. Auch in der Urwaldwelt braucht man für Schule, Gesundheit, Schokolade, Tourismus und Leben - Geld . . . Geld oder Leben??? . . .
2013 HAT DIE SCHATZSUCHE GEWALTIGE UND GEWALTTÄTIGE AUSMASSE ANGENOMMEN

Friederike Peters, 5.1.2014

Dezember 2013

Inchipila und mein anderes Land
- eine Weihnachtsgeschichte


HuetteDie Geschichte mit Inchi beginnt ernst zu werden, als ich ins Haus komme und meine Medikamente zum Teil verstreut unter dem Bett wiederfinde und zum anderen feucht klebrig zusammengemischt aus drei Fläschchen in einem - Aber wie soll man eine Geschichte schreiben in einer Sprache, die in der Geschichte nicht vorkommt? Dabei kommen schon so viele Sprachen darin vor, castellano, runashimi und wao-terero. Deutsch, das durch meine Adern, Gedanken und Buchstaben fließt, ist die Sprache meines anderen Landes -

pumaIch lebe mit Inchipila, dem Kleinen Puma, unter einem Palmdach, jeden Monat eine Woche und mehr, während ich in der Fernschule des Dorfes im Amazonaswald unterrichte. Sein Vater wurde auf grausame Weise ermordet in einem Streit. Als alle viel zu viel getrunken hatten, erstickten und schlugen sie ihn tot - die vom Volk seiner Mutter. Die "Wilden" werden sie genannt von denen, die nicht dazu gehören. Inchis Vater war einer von den anderen, der mit Inchis Mutter an ihren Heimatort gezogen war. Als der Leichnam schrecklich zugerichtet dalag, wurde die Familie gerufen und Inchi war dabei. Inchi war auch dabei, als er in seinem Heimatort bei seinem eigenen Volk beerdigt wurde und, sie ließ ihn dort. Seine Mutter ließ den Fünfjährigen einfach dort – weil sonst Gefahr bestünde, dass auch er getötet würde, hieß es. Und, weil sie mit einem Partner ihres eigenen Volkes zusammenleben wollte, holte sie ihn auch später nicht mehr ab. Seine gerade geborene Schwester, die er so gern hatte, war in dem Wirrwarr einfach gestorben. Das sei auch besser, sagten die großen Leute. Und Inchipila wurde abgestellt bei seinen Pflegeeltern, entfernten Verwandten des Vaters, die er nicht kannte, deren Sprache er nicht verstand, an die er sich aber klammerte mit dem Instinkt des Lebens, das überleben will -

Seine Pflegemutter ist längst aus der Zeit der kleinen Kinder heraus und hat Leitungsaufgaben im Dorf, die sie oft unterwegs sein lassen. Sein Pflegevater hat schließlich dafür gesorgt, dass er doch bleiben konnte, denn auch sein Vater, ein großer Schamane, wurde auf grausame Weise getötet von den eigenen Leuten, die ihn der Hexerei anklagten, in einem Prozess, in dem die Beweise ebenso wie die Taten im Leben unter dem Fluss zusammenfließen. Wenn ich im Haus bin, nutzen sie die Zeit für andere Aufgaben und überlassen den Kleinen Puma und mich uns selbst und unseren Geschichten. Auch in meinem anderen Land wurden die Eltern eines Freundes grausam getötet, von den Bomben der "Befreier" zerfetzt. Er konnte bei der Beerdigung nicht dabei sein - in einem Arbeitslager jenseits aller Berge baute er die große Brücke für den Sieger des Krieges, aus dem er versuchte auszusteigen ohne Chance - bis heute lebt er ohne Abschied nehmen zu können –

Auch in meinem anderen Land werden Kinder von ihren Müttern abgestellt, denen die eigenen Leute die Seele geraubt und unheilbar verletzt haben -

Als ich aus der Schule komme, hat Inchi die gesamte Packung Nudeln verkocht, die letzte Dose Thunfisch dazu getan, davon gegessen, was er konnte und den Rest an die Hühner verfüttert, obwohl wir abgemacht hatten, zusammen zu essen. AHuehnchen m nächsten Morgen geht der Kampf um das einzige Ei, das die Hühner gelegt hatten. Ich möchte, dass wir es teilen. Er möchte es allein, Ei ist seine absolute Lieblingsspeise. Noch während wir diskutieren wirft er es vor die Hunde. Besser die, als wir beide. Wir reden fast ununterbrochen. Wir messen spielerisch unsere Kräfte, versuchen, gegenseitig unsere Hände auf die Tischplatte zu drücken. Ich frage, ich erkläre, ich höre zu, ich halte ihm den Spiegel vor, immer und immer wieder. Ich halte ihn fest, so fest, dass er nicht weitermachen kann, wenn er versucht, mich mit dem Hosengürtel zu schlagen wie die großen, starken Männer das hier tun. Du redest so viel, sagt er. Du nimmst mich ernst, sagt er. Du bist meine Freundin! Ich heirate dich!

Inchipila spielt seine Geschichte immer und immer wieder nach. Alles, was ihm und anderen lieb und heilig ist, muss zerstört werden. Das gilt für sein von ihm selbst gemachtes Spielzeug ebenso wie für meine Medikamente, seine Hausaufgaben oder das Ei, das wir beide mögen. Das hat man mit ihm gemacht, genau so fühlt es sich an, so war es und noch einmal - was er selbst zerstört, können die anderen ihm nicht mehr zerstören. auf dem flussNicht noch einmal die Hilflosigkeit, die Ohnmacht, die Demütigung, wenn die anderen dir dein Leben in Scherben schlagen. Noch einmal selber schlagen - vielleicht hört es ja auf, vielleicht hört es ja diesmal anders auf - vielleicht kann ja einer die Hand aufhalten, die schlägt -

Mein anderes Land ist "zivilisiert", heißt es. Die elternlosen Kinder, Enkel und Urenkel des Krieges können spielend groß werden, heißt es. Annas drogenabhängiger Mutter wurde das Kind abgenommen, man hat sie in ein Kinderheim gegeben. Annas Vater kämpft um das Sorgerecht. Er will "nur das Beste" für seine fünfjährige Tochter, die ihm hilft, seine Sozialhilfe zu erhöhen und seiner eigenen Mutter klar zu machen, um wie viel besser seine Erziehung ist als die ihre. Die Großmutter nimmt den Faden auf gegen ihren ungezogenen Sohn und für die süße Enkelin. Und Anna spielt mit, mit ihm, mit den Pflegepersonen, mit Oma und mit sich selbst, spielt sich von einem Schoß in den anderen, spielt um ihr Leben, spielt sich um ihr Leben -

Die Großen geben sich mit solchen Kleinigkeiten nicht ab, sie spielen um das Leben auf dem Planeten, sie spielen mit ihm bevor jemand sie als Spielball benutzen kann - nicht noch einmal die Hilflosigkeit, die Ohnmacht, die Demütigung, wenn die anderen dich zum Spielball erkoren haben -

Mit strahlendem Gesicht läuft der Kleine Puma auf mich zu bis ans Tor, die Hände vor sich her gestreckt, um mir was zu zeigen. Was ist das? HundewelpeEs sind zwei winzige Hundewelpen, gerade geboren, Inchipila war dabei. "Kuck mal, hier ist die Nabelschnur!" - In seinen Augen Staunen und Zärtlichkeit für das Leben, das vor seinen Augen auf die Welt kommt. Zwei Stunden später ist ein Hündchen tot - am Abend das zweite - die Hundemutter hat sie totgebissen, sagt Inchipila -

Wie soll man eine Geschichte schreiben für die es keine Worte gibt?

Als ich gehe, gebe ich Inchipila die zwei Steine aus meinem anderen Land, aus dem Kriegsgebiet, dem Grenzland - einen für die schwache Hand, die linke, der ist rosa und hat die Form eines Herzens. Der andere für die starke rechte Hand ist schwarz und klein. Wenn du zornig bist und es dir schlecht geht, nimm die Steine, leg den großen an dein Herz und den anderen halte weit weg, lass dein Herz wachsen und halt dir das Dunkle auf Abstand -

Die Geschichte mit Inchipila hat kein Ende - und in meinem anderen Land Anna und die Großen - - -

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Während die Ohnmacht am Napofluss zwischen Erdölcamps, Milleniumschulen, Kindertraumata und Weihnachtstüten weiter um sich greift wird die alte Geschichte gelesen und erzählt neu von dem Kind Jesus, das bei uns geboren wird: MariaWeihnachten im Amazonaswald

Maria und Josef sind auf Verwandtenbesuch – mit dem Kanu sind sie einen halben Tag unterwegs gewesen, um endlich mal wieder ihre große Familie zu sehen. Jetzt wird gefeiert, sie haben fermentierten Chichapurre mitgebracht. Die Frauen bereiten daraus mit Wasser ein gutes und beliebtes Maniokgetränk vor. Die Männer bekommen zuerst davon ausgeteilt und beginnen schon einmal zu feiern. Plötzlich spürt Maria, dass die Wehen einsetzen - früher als erwartet. Sie weiß, was sie zu tun hat. Sie geht nach draußen zum Maniokfeld. Dort wird ihr kleiner Sohn geboren. Noch bevor Maria Schmerzen spürt, hält sie ihn in den Armen. Liebevoll packt sie ihn in Blätter ein.

Neugierig kommen die Waldgeister aus Baumhöhlen, Bächen, Steinen und ihren anderen Wohnungen hervor. Sie wollen sehen, ob das Kind einen starken Geist hat, der es überleben lässt im großen Wald. Sie verbergen sich zwischen den Maniokblättern und sehen, was geschieht. Die Männer haben weiter der Chicha zugesprochen, langsam werden sie aber neugierig und gehen hinaus ins Feld. Dort sehen sie Maria sitzen, ihr Gesicht leuchtet. KindJosef setzt sich neben seine Frau, er will das Kind sehen. Maria öffnet vorsichtig die Blätter und als nur der kleine Fuß mit den noch kleineren Zehen herauskommt, bricht zugleich ein solches Licht hervor, dass Männer und Geister geblendet werden und ihre Augen schließen müssen. "Was wird wohl aus diesem Kind werden???" fragen sie sich. "Dieses Kind muss etwas ganz Besonderes sein!"

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Der chilenische Sänger Víctor Jara, der den Kampf seiner Landsleute gegen den Diktator Pinochet in Worte und Lieder zu fassen versuchte, schrieb:

Das Kommen und Gehen beim Kampf für die völlig verlorenen Sachen verbraucht uns zwar die Hände, aber lässt uns das Leben geöffnet.

"…das Leben geöffnet" – in der Hoffnung, dass das neue Jahr 2014 euch und Ihnen das Leben weiter öffnet wünsche ich eine gute und hoffnungsvolle Weihnacht.
Ein herzlicher Dank geht an alle, die mir in diesem Jahr Hoffnungszeichen geschickt haben in Päckchenform, Briefen, Mails und Spenden – Danke -
Frohe Weihnachten wünscht, Friederike Peters

...der gesamte Rundbrief in [pdf]

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Mai 2013 [Video]

Videobotschaft zu Pfingsten:
Sachapi Kankimi- im Urwald ist es, wo du bist

Die sichtbare Welt ist das Kleid des Samay – des Geistes, der alles durchweht und Lebenskraft einhaucht, sagen die Naporuna, mit denen ich lebe und arbeite. An dieser Stelle möchte ich euch dieses Kleid des Geistes möglichst lebendig vor Augen führen.
Liebe Freunde, Freundinnen, Bekannte und Verwandte,
Mein Rundbrief ist dieses Mal kein Brief, sondern ein Video. Tiefe Einblicke aus dem Inneren des Waldes habe ich zusammengestellt und mit Texten, Musik und Kunst aus der Region. Ich lade alle Rundbriefleser/Innen, die Internetzugang haben ein, es sich auf der Internetseite des Vikariates Aguarico anzusehen. Die, die keinen Zugang haben – wie wäre es, jemanden zum Mitsehen einzuladen, der/die Zugang verschaffen kann?!..

Rundbrief mit weiteren Gedanken zum Pfingstfest, als pdf download

Dezember 2012

Fenster zur Weihnacht am Rio-Napo
Eine Woche vor Weihnachten fängt Weihnachten an. Die drei Kapuzinerpriester unserer Pfarrei beginnen mit den Rundreisen in die verschiedenen Flussgemeinden, um dort die Weihnachtsgottesdienste zu halten. Vier Tage lang bin ich mit auf dem Weg von einem Dorf ins andere. Hier und dort geht mir ein Licht auf, steht ein Fenster zur Weihnacht offen:

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ChristkinderIm handgemachten Blätterwald- krippenhäuschen liegen zwei Jesuskinder - ein altes, das mich mit einem hohlen Augenloch ansieht und mit einem zweiten Auge aus blindem Ton und ein neues, das mit neugierigen, großen, braunen, indianischen Kinderaugen in die Welt blickt und zu seinem blinden großen Bruder - es sieht für ihn mit - wer weiß, was der andere in seinem Inneren mitsieht - was er schon gesehen hat - die Jahre hindurch ...

Heute geht die Welt unter, sagen uns die Leute. Sie haben das in der Stadt gehört in den Nachrichten. Am nächsten Tag im nächsten Dorf meinen einige: "Nein, das war nicht gestern am 21.! Heute um 5 Uhr nachmittags geht sie unter." Am nächsten Tag im nächsten Dorf sind wir uns einig: "Wir haben es überlebt - 2-mal den Weltuntergang überlebt!!!" Statt Weltuntergang feiern wir hier das neue Leben, das vom Gotteskind und das von den Täuflingen, die in den Armen ihrer Mütter warten. Hier beginnt was Neues - in den Dörfern wird um Weihnachten und Neujahr herum die Dorfleitung neu gewählt. Die nächste Generation ist am Zug. So erzählt es auch eine alte Naporunalegende: Der alte Vatergott, der als Wanderer am Ufer entlang unerkannt die Menschen besucht, gibt sein Zepter ab, einem Maniokzweig, der überall Wurzeln schlagen und Frucht tragen kann. Er benutzte ihn als Wanderstab. Die Tage seiner Menschenkinder zählte er an Maiskörnern ab. Immer, wenn eine große Schale mit Maiskörnern zu Ende ging, kam eine zerstörerische Katastrophe über Fluss und Land, die nur ein Rest von Menschen überleben konnte, um dann neu zu beginnen. Als nun der Sohn das Zepter übernimmt, füllt er die große Schale mit Sand und zählt ein Sandkorn jeden Tag - für eine laaange Zeit. Die Menschen, die ihm folgen, leben anders, brauchen keine häufigen Katastrophen mehr, um das gute Leben zu lernen und zu leben...

 

Andrés liegt mit dem Gesicht nach unten auf dem Zementboden, die große Waffe neben seinem Gesicht - totmüde vom FeiernAndes - Andrés bekam seine Waffe von der Erdölgesellschaft geschenkt, wie alle Jungen - die Wasserschlacht lässt nicht auf sich warten... Wieviele Kinder seines Alters sind wohl heute in Kriegsgebieten mit Waffengewalt getötet worden???

 

 

 

In Janinas Dorf wird die ganze Nacht gefeiert - immer wieder wird das Jesuskind im Tanz durch die Reihen getragen - dazwischen Bananen, Wildfleisch und Maniokbier, Tanz und Messe und Pause und Spiel und Sport und Leben in FÜLLE...Janina mit Auto Janina, etwa 4 Jahre alt, vertreibt sich die Stunden damit, das große rote Auto über den Sportplatz zu schieben, das alle Jungen hier vom Bürgermeister geschenkt bekamen - Batterien gibt es nicht - die sollen die Eltern kaufen - irgendwannmal in der großen Stadt - aber schieben lässt es sich, und auf jeden Fall ist es ein sooo viel interessanteres Geschenk als die alberne Barbiepuppe, die wie jedes Jahr wiedermal alle Mädchen in die Hand gedrückt bekamen... im Morgengrauen sehe ich Janina wieder, verzweifelt zerrt sie ihren großen Bruder am Arm und sagt "Komm!" Sie will nach Hause, aber er bleibt betrunken und reglos auf seinem Stuhl sitzen...

KAPI ist etwa 6 Jahre alt, er hat bisher in einem nichtchristlichen Volk gelebt - nach der ersten Weihnachtsfeier seines Lebens, am Dorfplatz mit sechs Tüten Süßigkeiten von verschiedenen Organisationen beschenkt, geht er freiwillig nach Hause - da treff ich ihn auf der Bank sitzend, in der Hand das größte der zwei Plastikmotorräder, die an alle Jungs verschenkt wurden - schweigend - jedes Wort zu klein für ein solches Geschenk - Kapikein Blödsinn mehr, kein Wutausbruch, keine zerstörten Sachen wie sonst, wenn ich zurück komme ins Haus seiner Adoptivfamilie, wo ich wohne wenn ich im Dorf Unterricht gebe - nur noch Augen für dieses Geschenk, das er bekam, der sich sonst nur abgelehnt und anders vorkommt - nur noch Augen für dieses Geschenk - könnte es so sein, wenn Gott sich schenkt und wir endlich an-erkannt werden, uns erkennen ...?!

 

Ganz herzlichen Dank für alle Weihnachtsgrüße, Briefe, Mails, Päckchen und Spenden. Ich hoffe und wünsche uns allen, dass uns hin und wieder im neuen Jahr 2013 Fenster aufgehen in die andere Welt, deren Geist längst durch unsere durchweht. F.Peters

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November 2012

Schätze, Verlockungen und Kleingedrucktes -
Onkel Fuchs und sein Schätzchen"Schätzchen, unterschreib mal eben!" sagt Onkel Fuchs. "Was?" fragt sie. "Hier - ist schon alles fertig! Dass ich bei dir rein darf." "Wieso?" fragt sie. "Du weißt doch, dass Tante Fuchsia neuerdings alles schwarz auf weiß haben will - dass ich mal kurz in dein Revier kann!" "Du bist doch schon drin!" sagt sie. "Eben, drum brauchst du ja nur zu unterschreiben." Und bei sich denkt er - dass sie eben doch ein dummes Huhn ist.

Ein Huhn ist sie. Eigentlich heißt sie Paujil, aber er nennt sie nur Schätzchen. Ihre Familie wohnt schon die halbe Ewigkeit hier im Amazonaswald. Onkel Fuchs wohnt nicht hier. Er kommt aus der großen Stadt, weit weg, aber in letzter Zeit kommt er immer öfter, um sie zu besuchen. Er bringt Kekse mit - das ist das Größte für Paujil,Huhn Paujildie sonst Würmer und Körner im Wald und auf den Feldern der Menschenfrauen suchen muss. "Was machst du da?" fragt sie. "Ich grab schon mal das Loch." sagt Onkel Fuchs. "Wofür?" fragt sie. "Aber Schätzchen - wir müssen doch die Eier rausbuddeln, die seit ewigen Zeiten da unten rumliegen." "Die goldenen?" fragt sie. "Klar! Die gehören doch unserer Regierung!" "Eurer Regierung?" fragt sie. "Ja, unserer Regierung. Das steht in unserem Grundgesetz, Schätzchen!" "Was ist Grundgesetz?" fragt sie. "Da, wo unsere Regierung sagt, was man darf und was man nicht darf, Schätzchen." "Welcher Mann?" fragt sie. "Alle, Schätzchen, alle - man eben!"

Langsam ging Onkel Fuchs die Geduld aus. Aber er musste sie rumkriegen! Er musste, weil er musste. Tante Fuchsia von der anderen Seite des großen Teichs rückte ihm schon auf die Pelle. Und sein Schätzchen hatte ein paar goldene Federn unter dem Bauch, die musste er haben und die goldenen Eier auch! Er musste, er musste, er musste... Also noch einmal - "Schätzchen, hast du schon schmetterlingunterschrieben?" "Onkel Fuchs, wenn du die goldenen Eier da rausholst - will ich auch welche!" sagt sie. "Aber klar - von hundert Eiern, die wir rausholen, kriegst du zwölf." "Das ist gut! Davon werde ich Mais kaufen für meine Kinder, damit sie groß und stark werden. Und - Onkel Fuchs - ich will eine Maschine, mit der wir den Mais von den Kolben runter kriegen können. Das ist sooo harte Arbeit!!! " sagt Paujil. "Langsam, langsam Schätzchen, du weißt doch, Tante Fuchsia - und unsere Regierung - sie können dir die zwölf Eier natürlich nicht einfach so geben. Sie wollen alles schwarz auf weiß haben, damit auch alles mit rechten Dingen zugeht. Schreib mal alles auf, was du brauchst, Schätzchen. Aber du musst es in Schönschrift schreiben und ohne Kleckse und nicht über die Linie - und bis morgen muss es fertig sein." "Aber Onkel Fuchs, du weißt doch, dass ich noch nie die Beste beim Schönschreiben war." "Kein Problem Schätzchen, da hilft die unser fetter echseFuchs. Der wohnt gleich im nächsten Dorf. Du gibst ihm seinen Teil und er macht alles fertig - du brauchst nur zu unterschreiben." "Seinen Teil?" fragt sie. "Klar, er muss auch leben." "Und wann bringst du uns die Eier vorbei?" fragt sie. "Nein!!! Du ... Huhn!!! Die Eier bring ich nicht vorbei, aber du kriegst alles, was du brauchst. Direkt nächstes Mal bring ich dir schon ein paar Säcke Mais mit. Aber natürlich nur, wenn du alles richtig ausgefüllt und aufgeschrieben hast. Sonst geht es eben nicht!" "Aber Onkel Fuchs, das hab ich doch bei deinem letzten Besuch auch schon gemacht, alles hab ich dir schon gegeben in Schönschrift von meiner Kusine Helene." "Aber Schätzchen, ich sag doch, lass dir von Vetter Fuchs helfen. Es fehlte eine Unterschrift und beim Absender war nicht angegeben, wie viele Goldfedern jedes Huhn aus eurer Familie unter dem Bauch hat. Den Brief musst du nochmal schreiben!" "Und unsere Maismaschine, Onkel Fuchs?" "Ja, da könnt ihr schon mal anfangen. Ihr könnt schon mal das Gelände sauber machen und einen Zaun drum tun. Wenn nächstes Mal alles fertig ist, bring ich euch die Maschine mit." spinnenaffe"Aber Onkel Fuchs - ich brauch jetzt schon Mais - seitdem hier so viele Leute rumrennen, gibt es nicht mehr so viele Körner und Würmer wie früher!" sagt sie. "Schätzchen, du bist eine ICH-AG! Heutzutage ist jeder sein eigener Chef und für sich und seine Kinder selbst verantwortlich - - -! Die Körner und Würmer, die oben auf der Erde sind, gehören euch allein, alle - aber natürlich müsst ihr auf sie aufpassen... Ihr macht zu viel Dreck!" "Aber Onkel Fuchs...!" sagt sie.

"Schätzchen, hast du unterschrieben?" fragt er. "Ich frag erst mal Onkel Tiger. Der wohnt schon ewig hier und weiß alles von unserem Wald!" sagt sie. "Aber Schätzchen, dein Onkel Tiger hat schon lange unterschrieben! Der ist gar nicht hier! Der hat jetzt eine Ausstellung in der großen Stadt." "Was ist das?" fragt sie. "Die Leute kucken sein schönes Fell an und geben ihm Geld dafür." "Und wenn er fertig ist? Kommt er dann wieder zurück in den Wald?" fragt sie. "Dein Onkel Tiger ist auch eine ICH-AG, Schätzchen, wenn er richtig fertig ist, darf er ganz allein entscheiden, wie er wieder in den Wald kommt. Oder er macht eben noch eine Ausstellung." "Aber, Onkel Fuchs, Mama Tiger hat mir davon gestern gar nichts gesagt, als ich sie auf dem Feld getroffen habe. Ich werd' Mama Tiger fragen!" sagt sie. Mama Tiger heißt eigentlich Ozelot, aber hier ist sie unsre Mama Tiger. "Schätzchen, ich muss gehen, kannst du mal eben unterschreiben?!" "Ich will Mama Tiger fragen." sagt sie. "Du bist nichts weiter als ein dummes Huhn!!!" brüllt er sie an. ""Eben - Onkel Fuchs - - - eben nächstes Mal, Onkel Fuchs - - -!" sagt sie und verschwindet in den Wald hinein.

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mit weiteren Tieren aus dem Regenwald am Rio-Napo

Liebe Freunde, Freundinnen, Bekannte und Verwandte, Wie Paujil das Huhn aus dem Amazonaswald stehen auch die Menschen hier vor dem Fuchs mit Menschengesicht, der als Vertreter der Erdölfirmen kommt, die der Regierung gehören. Die Regierung braucht Geld - Erdöl, Kupfer müssen exportiert werden, um den Staatshaushalt und die Schulden in China zu begleichen. Die Chinesen bekommen das Erdöl als Direktzahlung im Gegenzug zu den Krediten,raupe die sie geben. Aber im Amazonas sind auch noch ganz andere Schätze entdeckt worden. Der Wald kann Sauerstoff produzieren und sein Erhalt kann den weltweiten Kohlendioxydausstoß verringern. Auf dem internationalen Markt, auf dem die Kohlenstoffverschmutzungsrechte verkauft und gekauft werden, spielt Ecuador eine zunehmende Rolle, denn das Land hat zugestimmt, REDD und REDD+ Projekte (weitere Infos) hineinzulassen. Auch der Menschenfuchs hat viele Vettern und Tanten.

Unter Federführung der deutschen Entwicklungshilfe wurden diese Projekte seit der Klima- Gipfel-Konferenz in Kyoto entwickelt und weiterentwickelt. Die ursprüngliche Idee war, die Gemeinden, die z.B. hier im Amazonasgebiet eine Anzahl Hektar Wald unverändert lassen, mit einem finanziellen Betrag, pro Hektar zu entschädigen dafür, dass sie den Kohlendioxydausstoß verringern und zur Sauerstoffproduktion beitragen. Dieses Geld sollte aus internationalen Kassen der Industrieländer kommen, die unsere gemeinsame Erde am meisten verschmutzen. Aber "natürlich" wird das Geld heute nicht direkt ausgezahlt, sondern nur an Projekte, die von den Gebern mit Bedingungen versehen und eigenhändig genehmigt wurden. Bedingungen und Projekte müssen "natürlich" den Gebern dienen, dessen Industrie, dessen Verschmutzungsrechten, dessen Propaganda,... Inzwischen kann man auch den Urwald absägen und schnellwachsende Bäume für die Holzindustrie anbauen, die ja ebenfalls Sauerstoff produzieren und CO2ausstoß verringern. tapir

Und wem gehört das Land, wenn eine deutsche Regierung oder eine deutsche Nichtregierungsorganisation, finanziert von der Wirtschaft, 20 Jahre lang für "ihre" Urwaldhektar bezahlt hat? Dazu sagt das Kleingedruckte im Vertrag, dass die Gemeinde im 19. Jahr den Vertrag ausdrücklich kündigen muss. Sonst läuft er "automatisch" weiter - bis in Ewigkeit ... Und wenn die Gemeinde vorher kündigen will, um den Wald wieder selbst für eigene Projekte zu nutzen nach ihrem Gutdünken? Dann muss sie dreimal die Summe zahlen, die sie bis dahin bekommen hat. Und wenn sie das nicht kann? Gefängnis! Oder, wie in einem Fall geschehen - Onkel Fuchs kam vorbei und bat um Unterschrift für die Erlaubnis zum Eintritt auf das Gelände, um das darunter liegende Erdöl zu fördern, das dem Staat gehört...

Oft stehen wir wie vor einem Wald aus ??? ohne zu wissen wohin, ohne etwas ändern zu können, ohne den nächsten Schritt einschätzen zu können. Was ist tatsächlich besser für diese oder jene Gemeinde? Was können wir als Pastoralteam tun?

"Wir dürfen nicht aufhören, uns durch unsere Konfusion hindurchzuarbeiten." sagte der Sozialpsychologe Ronald Laing vor Jahrzehnten und es gilt immer noch. Informationen sammeln und weitergeben, verstehen und verständlich machen, soweit es immer geht. Sprechen, suchen, NEIN sagen, wo nötig, anders sein, sich selbst sein und andere in ihrem Sich-Selbst-Sein unterstützen in dieser Welt, die nicht gleiche Rechte, sondern gleiche Gesichter, gleiche An-Sichten und gleiche Antworten fördert.

Auch in der Fernschule stehen wir vor den gleichen Fragen. Im September haben 11 Schüler/innen es geschafft. Sie wurden als Abiturienten feierlich in die Nation aufgenommen. Weil wir in diesem Schuljahr jedoch keine neuen Lehrer mehr anstellen dürfen wie bisher, werde ich selbst als Aushilfslehrerin in einem Dorf der Zone arbeiten. Eine Woche pro Monat in Samona, das sonst aus dem Programm gefallen wäre. Eine Woche für 15 zur Hälfte erwachsenen Schüler/innen in einem Raum, aus 8 verschiedenen Jahrgängen. Was tun, wenn der Dreisatz nicht sitzt, weil die Division nie gelernt wurde - und eigentlich dieselben Schüler/Innen nachrechnen können müssen, wie viel die 12% der "goldenen Eier" für ihre Gemeinde bedeuten würden, und wie man die dem "Onkel Fuchs" abluchst, obwohl sie doch der Gemeinde zustehen... Was, wenn wir keine Zeit mehr haben, über die wirklich wichtigen Dinge zu reden, weil wir stattdessen die Bedingungen fürs Abiturzeugnis erfüllen müssen, die "Tante Fuchsia" vorgibt, und das, obwohl "Tante Fuchsia" nicht die geringste Idee davon hat, was für das Leben am Amazonas nötig ist. Das braucht sie auch nicht, sagt sie, denn "alle Tiere sind gleich", sagt sie. Das hätte der englische Schriftsteller George Orwell in seiner Geschichte von der "Farm der Tiere" auch schon geschrieben, sagt sie. "Tante Fuchsia" vergisst das Kleingedruckte. "Alle Tiere sind gleich! - - - Aber einige sind gleicher!" - das sagen die Schweine in Orwells Geschichte.

"Das wenige, das sehr wenige, das wir tun können, müssen wir tun. Wegen unserer Würde, aber ohne Illusionen." (Theodore Monod, Naturwissenschaftler und Humanist) Dass uns Geduld, gute Ideen und unsere Träume nicht ausgehen bei meiner, eurer und ihrer Arbeit... Gaaaaaanz herzlichen Dank allen, die durch Aktionen, Mails, Gedanken, Gottesdienste und Gebete unsere Träume und Aktionen unterstützt haben. FP

...Rundbrief in [ pdf]

September 2012

Coca, 21.09.2012 Mit Doktorhut und großem Schwur wampi_Abitur2012 wurden die Abiturienten aus der Zone Rocafuerte in der Landeshauptstadt Coca in die Gemeinschaft der Abiturienten der Nation aufgenommen. Elf Schüler/Innen haben es in diesem Jahrgang geschafft darunter neben den zehn vom Volk der Naporuna zum ersten Mal ein Schüler aus dem Waoranidorf Kawymeno, das etwa seit zwei Jahren zur Zone gehört.
Zur offiziellen staatlichen Abiturfeier in Coca war Wampi mit seiner ganzen Großfamilie gekommen, die ihn so eingekleidet sehen wollte. Wie im ganzen Land so müssen auch hier alle Abiturienten deutlich sichtbar eingekleidet als gelehrte Menschen nach dem Singen der NationalhymneNardy_Abi2012 schwören, mit ihren Kenntnissen dem Staat zu dienen indem sie sie zum Wohl des Ganzen einsetzen. Die ernsthafte Feierlichkeit tönt nicht nur durch die Nationalhymne, sie ist sogar noch auf den fotografierten Gesichtern zu sehen.
Nardy kam ebenfalls mit ihrer eigenen kleinen Familie, ihrem Kind und Ehemann, der inzwischen als Tutor in der Fernschule arbeitet. Frecia arbeitet schon längere Zeit in der Stadtverwaltung in Tiputini, wo sie mit dem neuen Titel endlich eine Arbeit als Fachangestellte bekommen und den Gelegenheitsjob an den Nagel hängen kann. Sie hat direkt ihren Sohn für das neue Schuljahr angemeldet. Frecia_Abi2012 Ich kann nur hoffen und wünschen, dass diese drei wie auch die anderen, nachdem sie sich einen Traum erfüllt und viel dafür eingesetzt haben, jetzt einige Früchte ernten können.

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September 2012

Reportage: "Im Schildkrötentakt voran"

Kürzlich reiste eine Gruppe aus dem Bistum Aachen nach Ecuador, repotage KIZum Elsa Papa Condo, Alfredo Tangoy Yumbo und die aus Kaldenkirchen stammende Friederike Peters zu besuchen, die im November 2010 vom Río Napo zum Abschluss der ökumenischen Schokoladenaktion nach Aachen gekommen waren. Sie berichten vom Fortschritt der Schokoladenkooperative und den Tourismusprojekten.

gesamte Reportage aus der Kirchenzeitung [pdf]

 

April 2012

Frohe Botschaft aus Samona!

Endlich - nach so viel Zeit der kleinen Schritte, der endlosen Geduld und des zähen Ringens - im "Yawati Takti" (Schildkrötentakt) wie die Naporuna sagen - ist es soweit: Vereinsanerkennung, Vorstandsanerkennung und Einschreibung der "Cooperación Choco Samona" beim Steueramt sind gelungen!!!!!!! Auch der Besuch vom Niederrhein hat geholfen, den Durchhaltegeist zu beflügeln!!! Jetzt fehlt nur noch das Gesundheitsamt. Ein erster Auftrag von 100 Stück Schokopaste ist in der Tasche! Die Gruppe hat daraufhin endlich beschließen können, was mit dem gespendeten Geld (6000 US-$) aus Deutschland gemacht werden soll. Zunächst wird ein sehr kleiner Generator gekauft, der eine einzelne Maschine (vor allem die reparierte Mühle) antreiben kann. Dann werden etwa 2000 US-$ eingesetzt für die Genehmigung beim Gesundheitsamt und der Rest schließlich als Startkapital für die ersten Kakaoankäufe bei den Nachbarn. Kopien der Quittungen schickt die Gruppe im Lauf der nächsten Monate an den Fachbe-reich Weltkirche beim Bistum Aachen. Auch beim Gesundheitsamt wird ein langes, zähes Ringen erwartet, bis die Geneh-migung erfolgt, aber zumindest dürfen dank Genehmigung beim Steueramt schon mal einige Probeverkäufe der Produkte getätigt werden. Leider hat das bisherige Ringen zusammen mit anderer schwerer Arbeit dazu geführt, dass Bolívars altes, bereits verheiltes Magengeschwür neu aufgeplatzt ist. Er wäre fast verblutet. Jetzt muss er sich erst einmal erholen; die Krankheit hat ihn sehr geschwächt. Er ist die Antriebskraft der Schoko-Gruppe - sein Körper braucht Zeit, aber sein Geist ist schon wieder bei den nächsten Schritten - während Elsa ihn mit den Heilkräften des Urwaldes versorgt.

März 2012

Vom Niederrhein nach Ecuador - ein neuer Reisebericht aus Samona und Zancudo, von Thomas Hoogen

Mitte März 2012 ist eine dreiköpfige Gruppe aus Aachen und vom Niederrhein nach Ecuador gereist, um Elsa Papa Condo, Alfredo Tangoy Yumbo und Friederike Peters zu besuchen, die wir von dort für das Aachener Hearing "Schokolade – ein Produkt mit sieben Siegeln" im November 2010 eingeladen hatten. Als einer der Ecuadorreisenden sende ich hier einige Informationen über den Stand der Dinge dort. Unser Aufenthalt im Osten Ecuadors begann in der Provinzhauptstadt Coca, die offiziell Puerto Francisco de Orellana heißt, aber nie so genannt wird. Sie liegt in der Provinz Orellana am beginnenden Unterlauf des Río Napo, in den dort der Río Coca mündet. Am weiter östlichen Unterlauf des Napo leben Elsa und Friederike. Als Boomtown ist Coca eine rasant wachsende Stadt, die ihren Neureichtum v. a. dem Erdöl und der Geldwäsche im Dreiländereck Ecuador-Kolumbien-Peru verdankt (letzteres auf ecuadorianischem Gebiet, wo der US-Dollar Landeswährung ist, besonders lukrativ). ... Von Coca fuhren wir eine Halbtagesreise mit dem Boot nach Samona. Die Tourismus-Kooperative der Dorfgemeinschaft dort unterhält die Samona-Yuturi Lodge, in der wir einige Tage Gäste waren. Die Lodge liegt in einem einzigartigen Lagunen-Labyrinth von kleinen Flussarmen im Regenwald, die teilweise in Moor übergehen. Die Tourismusgruppe hat bereits Buchungen von nationalen und internationalen Gästen zu verzeichnen und bietet einen auch aus europäischer Sicht und angesichts der schwierigen Infrastruktur beachtlichen Standard. Strom wird durch eine kleine Solaranlage erzeugt. ... (über das Aachener Reisebüro Accept Reisen (www.accept-reisen.de), das auf sanften Tourismus spezialisiert ist, buchbar) ... Die Vielfalt der Flora und Fauna ist kaum in Worte zu fassen. Unzählige Arten von Schmetterlingen (allen voran der handtellergroße, leuchtendblaue Morphofalter), Palmen, Affen, Bananengewächsen, Ameisen, Lianen, Papageien, Pilzen, Orchideen, um nur die besonders häufigen und für Ungeschulte gut sichtbaren Gruppen zu nennen, bevölkern Wald und Wasser, die nahtlos ineinander übergehen ...

... den gesamten Reisebericht finden Sie als [pdf] hier

Januar 2012

Das Jahr, als Weihnachten ausfiel
- ein Weihnachtsrundbrief der anderen Art

als Weihnachten ausfiel war es der 25 Dezember…
Ich falle auf die Bank vor meiner Wohnung und bin hundemüde, Schuhe und Hose voll Lehm, durchgeschwitzt, erst mal was trinken, Zitronensaft, es sind mindestens 30°, dazu feucht und schwül, das Gewitter lässt auf sich warten, die Luft ist voll Spannung.
Ich komme von der 8. Weihnachtsmesse in 4 Tagen in 8 weit entfernt voneinander liegenden Dörfern am Flussufer. Ich habe José Miguel, den alten Pfarrer unseres Pastoralteams im Boot begleitet. Mit ihm habe ich an Teilen der traditionellen Weihnachtsfeiern der Naporuna teilgenommen, zu denen Tauf- und Hochzeitsfeiern gehören genauso wie die "moderne" Verteilung der Weihnachtstüten des Kreis-Bürgermeisters an die Kinder und seine "großzügige Schenkung" neuer Boote an die Dorfgemeinden, bezahlt vom Geld der Kreisregierung, das sowieso den Leuten zusteht.federicas zuhause

Jetzt werde ich erst mal duschen, dann endlich mal meine Wohnung etwas weihnachtlich herrichten, die Krippe aufstellen, Kaffee machen, Printen aus Aachen essen und deutsche Weihnachtslieder hören… ........ ...

Dann... .... .....
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Im Hintergrund höre ich ein Kind weinen. "Das gehört bestimmt zu den Schülerinnen von der Fernschule, die trotz Weihnachten eine kurze Besprechung mit ihrem Lehrer haben, damit sie noch dieses Jahr alle Aufgaben machen können, die von ihnen verlangt werden.", denke ich. "Quatsch – die Schülerinnen sind doch schon weggegangen als ich ankam – wer ist denn da noch hinter dem Haus???"

Ich gehe nachsehen, es sind die zwei kleinen Kinder, die wir eben mit dem Boot vom Haus der Großmutter, die in einem entfernten Dorf lebt, hergebracht hatten, damit sie hier nach Hause gehen können, wo ihre große Schwester auf sie wartet. Erst bei dieser Fahrt habe ich sie kennengelernt. Die kleinere, etwa 2-3 Jahre alt, hat Angst und klammert sich verzweifelt an die größere Schwester, etwa 5-6 Jahre alt, beide schmutzig, unversorgt und mit staubigen Tränenspuren auf dem Gesicht. Auch die größere ist verzweifelt, unter Schluchzen und Flüstern verstehe ich ihre Namen nicht, wohl aber, dass die große Schwester nicht da ist, das Haus völlig leer, keiner weiß wo sie ist, die Eltern in einem anderen Dorf, wo wir sie grad gestern als Paten eines Hochzeitspaares getroffen hatten. Die Hochzeit dauert mindestens 3-4 Tage und die Oma, bei der die beiden untergebracht worden waren, hat auch ein Fest organisiert und kann sie anscheinend nicht brauchen…


Was nun? Was tun? Sie haben im Dorf keine anderen Verwandten. Sie müssen wieder zurück zur Oma, dort können sie trotz Fest zumindest bleiben bis Eltern oder Schwester wieder auftauchen. Ich versuche, ein Boot zu organisieren, dass sie mitnimmt. Der Pfarrer muss wieder zum nächsten Dorf in die andere Richtung und ein Boot, das grad jetzt in die richtige Richtung abfährt, nimmt sie nicht mit, weil es angeblich zu voll ist. Mein eigenes kleines Boot liegt auf Land und kann da zurzeit nicht weg. Ich frage die "Stützen der Pfarrei", die Frauen, die im Dorf und in der Kirche für Soziales zuständig sind und alle Nachbarn kennen, ob sie eine Familie wissen, bei der die beiden ein paar Tage bleiben können. Nein - die Familie sei mit vielen zerstritten. Ich verstehe, dass diese Familie im Dorf zu denen gehört, mit denen "man" nichts zu tun haben will. Die zwei sollen doch nach Hause gehen, irgendwann kämen ihre Leute dann schon zurück. Doña Lilian bietet an, sie könnten ja morgen zum Frühstück zu ihr kommen – das ist schon eine Hilfe, von irgendwem haben sie inzwischen eine Tüte mit Weihnachtskeksen bekommen. Ich organisiere was zu trinken und begleite sie zu ihrem Haus. Die kleine weint verzweifelt – hat aber Angst vor mir, so dass ich sie auch nicht trösten kann. Ich gehe nochmals zu den Frauen, um mit ihnen allein zu reden. Keine Chance! Die sollen doch kucken, wo sie bleiben!!! Ich gehe wieder zum Haus und höre von weitem den Fernseher – wenigstens etwas, der wird die Mitmenschen ersetzen müssen – es ist fast Abend – Die kleinere ist vor dem Fernseher schluchzend schon fast eingeschlafen. Ich erkläre der größeren, dass sie morgen früh zum Frühstück zu Lilian gehen sollen und dass ich dann käme, um weiter zu sehen, was wir tun könnten. Jetzt weiß ich auch keine andere Lösung…

Ich gehe nach Hause - Weihnachten fällt aus …
die Weihnachtskinder waren schon da - keine Krippe, keine Musik – nur noch müde – müde vom Wahnsinn!!!
Der Wahnsinn ist nicht die Armut oder das fehlende Boot, die äußere Situation, die wir nicht lösen können. Der Wahnsinn, den ich fühle, ist die Menschenverachtung, die Gleichgültigkeit, mit der die Kinder behandelt werden von den eigenen Eltern, der Schwester, der Oma genauso wie von den "Stützen der Pfarrei".
Inzwischen ist der 26. Dezember, am Morgen gehe ich wieder nachsehen, was die Weihnachtskinder machen. Ja, Lilian hat ihnen zu essen gegeben und von der Limonade von gestern ist auch noch was da. Vor dem Haus sitzt die Tochter des evangelischen Pastors, die auch Schülerin der Fernschule ist und wartet auf ihre Freunde. Ich frage sie, ob sie nicht jemanden weiß, der heute flussauf fährt. Ja, ihr Vater besucht eine andere Gemeinde. Ob der wohl die beiden Weihnachtskinder zurück zur Oma nehmen kann? Ja, klar!!! Und so kommt Hilfe aus unerwarteter Ecke – gerade von denen, die von den "wichtigen" Menschen des Dorfes verachtet werden ---

Als Weihnachten ausfiel
war auch der Tag, an dem Xabico, gerade 17 Jahre alt, nicht nach Hause kam

in unsere kleine Stadt am Flussufer, wie er es seiner Mutter und auch mir gesagt hatte.
Sein Vater hatte ihm vor einem Monat angedroht, ihn zu Tode zu prügeln. Xabico war geflohen, in derselben Nacht hatte er sein Handy verkauft, sich versteckt gehalten und im Morgengrauen mit dem öffentlichen Boot zurück in die große Stadt Coca gefahren. Dorthin hatten seine Eltern ihn als Kind schon geschickt, damit er ein gutes Gymnasium besuchen könnte und "mal was aus ihm wird". Er hatte es nicht geschafft, war gerade dabei, auf die schiefe Bahn zu geraten, als seine Mutter ihn vor einem Monat zurück nach Hause geholt hatte, wo er mit dem Vater auf der Kakaopflanzung arbeiten sollte.
Xabico ist untergetaucht …

Als Weihnachten ausfiel
war auch die Zeit, als ich die Geschichte mit "Oma" erfuhr…

Jemand erzählt mir, wer der Vater meines wenige Monate alten Namensvetters ist, des kleinen Federico. Federicos Mutter ist nicht verheiratet, der Vater sieht den Kleinen nicht an und noch viel weniger bezahlt er für ihn. Er hat gerade besseres zu tun, ist auf Brautschau, seine Mutter hat ihm gesagt, sie möchte eine Schwiegertochter, die noch kein Kind hat und überhaupt sei Federicos Mutter ja viel zu alt für ihren Sohn und auch nicht in der Lage für ihr Kind zu sorgen. Sie möchte, dass Federico bei ihr, der Oma, aufwächst, sie könne das doch wohl viel besser. Ich kenne Federicos Oma, sie ist eine mächtige Frau in ihrem weit entfernten Dorf. Federicos Mutter, die etwa 3-4 Jahre älter als der Vater ist, hat dagegen bereits einen anderen kleinen Sohn und wird von jetzt an mit 2 unehelichen Kindern als Prostituierte angesehen. Sie hatte dem Vater geglaubt und mit diesem ihr Leben teilen wollen. Sie ist auch diejenige, die sich mit 2 kleinen Kindern eine Arbeit besorgt hat im Kindergarten, wo sie die beiden mit hinnimmt. Die hat sie nur bekommen hat, weil sie zugleich eine fleißige Studentin ist, die an der Fernuni Pädagogik studiert, aber das zählt nicht bei "Oma". Die Mutter hat große Angst, "Oma" könnte ihr das Kind abnehmen…

Wenn Weihnachten gefeiert wird
bei den Naporuna, hat dieses Fest viele Elemente einer großen Hochzeitsfeier, wo aus dem Geben und Nehmen von Frau und Mann eine neue Kreatur, neues Leben entsteht.
Die Frauen binden aus alten Lappen eine in Windeln gewickelte Puppe zusammen, das Weihnachtskind. Sie nennen sie Chawcha Wawa. Wörtlich übersetzt ist das, das schwache, zerbrechliche Kind, das sich nicht auf eigenen Füßen halten kann.
Dieses Chawcha Wawa nehmen sie beim großen Weihnachtstanz in ihre Arme und geben es weiter durch die Reihe der tanzenden Frauen und der Männer, die diesen gegenüber tanzen, von Frau zu Mann, zur nächsten Frau, zum nächsten Mann durch die ganze Gemeinde. So wird es von jedem und jeder geschaukelt und geküsst, willkommen geheißen und gestärkt, damit aus dem Chawcha Wawa ein Sinchi Runa, ein starker Mensch wird.
So kann das Weiterreichen also auch geschehen – Stärkung statt Verachtung, Achtung statt Gleichgültigkeit, ansehen statt wegsehen…

Wenn Weihnachten gefeiert wird
auch in Deutschland und der Schweiz, gibt es diese Chawcha Wawas, "Lumpenkinder". Es gibt auch dort die Eltern, Omas und die starken Stützen der Gesellschaft, die doch nur das Beste wollen für die Kinder ohne diese jemals gefragt zu haben und ohne einen Funken Interesse (= dazwischen-sein, drin-sein) am wirklichen Leben und an der Person der Anderen.
Und auch dort gibt es die wenigen Männer und Frauen, die ein "Lumpenkind" stützen, halten und sei es für einen Moment bis ein neuer Weg gefunden wird, damit aus Lumpenkindern starke Menschen werden.

Als Weihnachten stattfand
in Bethlehem, gab und gibt auch eines und viele, die sterben an der Machtgier der anderen, die fliehen müssen, für die es keinen Ort gibt, kein Zuhause…
und da gibt es die, die einen Stern sehen, die plötzlich Stimmen hören – diese Ver-rückten sind es, die das zerbrechliche Kind einen kleinen Augen-Blick fest-halten, damit es ein starker Mensch wird…

Als Weihnachten ausfiel, fiel auch mein Rundbrief aus - - -
der soll hiermit nachgeliefert werden. Er kann euch und Ihnen hoffentlich Hoffnungszeichen sein für 2012 und uns ermutigen, Sterne zu sehen und ihnen zu folgen, wohin sie auch führen…
Ich wünsche jeder und jedem von uns, dass auch wir angesehen, angehört und gehalten werden, wenn wir zerbrechlich sind und uns schwach fühlen…
Auch ich habe gleichzeitig zum Wahnsinn an Weihnachten viele Hoffnungszeichen bekommen… und Sterne gesehen…
Ich möchte allen DANK sagen die mich und diese Welt hier 2011 unterstützt haben mit Briefen, Gesprächen, Besuchen, Geld, Schokolade, Marzipan und, und, und …

Rundbrief download als pfeil pdf ...


September 2011

Hurra! Geschafft: ABI 2011 für 8 junge Leute
IM SCHWEISSE IHRES ANGESICHTS ABITUR AM RIO NAPO Auch am Napo hat inzwischen das neue Schuljahr begonnen. Gleich in der ersten Septemberwoche durften einige Abiturienten der Fernschule "Yachana Inti" nochmals die Schulbank drücken zu den Nachprüfungen. Sie haben es geschafft. Acht junge Leute können sich jetzt weiterbewerben und auf einen bezahlten Arbeitsplatz in der Kreiverwaltung, bei einem Entwicklungsprojekt oder in einer Erdölfirma hoffen. Und was noch weit wichtiger ist, sie können jetzt als legale Vertreter ihres Gemeinschaftslandes gewählt werden. Sie werden die sein, die mit Erdölfirmen, Regierungs- und Entwicklungsexperten über soziale Dienste, Erziehung, Arbeitsplätze und Umweltschutz in ihren Indianerterritorien verhandeln. Da kann man nur gute Nerven und viel Glück wünschen...

September 2011

Spendenaktion_ Die Gruppe Choco Samona-Yuturi ist auf dem Weg, im August wurde die Schokopaste der Öffentlichkeit auf der Ausstellung Expoferia in Coca präsentiert. Zum ersten Mal wurden auch selbstgemachte Schoko-Erdnußriegel verkauft und waren allzubald ausverkauft. Dann hat uns die Schlange einen Strich durch die Rechnung gemacht – Elsas Sohn wurde von einer Giftschlange gebissen und musste in Quito im Hospital zweimal operiert werden, damit der verletzte rechte Arm nicht steif bleibt. Damit waren die beiden Organisatoren der Gruppe, Elsa und ihr Mann Bolivar fast drei Wochen mit wichtigeren Dingen befasst... Und noch immer braucht es viele Schritte durch den Bürokraten-Dschungel, der von Pumas und Schlangenzungen nur so wimmelt..., noch immer ist der Motor geliehen und die Mühle in Reparatur. Die Mühlen der Weltgesundheitsorganisation FAO, die das Projekt ursprünglich bezahlt, dann fallengelassen und jetzt wegen drastischer Kritik wieder aufgenommen hat, mahlen langsamer als den Leuten gut tut.... aber es gibt Hoffnung – Ende des Jahres soll die kleine Fabrik funktionstüchtig sein... DANK all denen, die uns unterstützt haben!!! (Foto: Bolivar, Elsa und ihr Sohn Cristian beim Fischen)

Juni 2011 Ein Generator für die Schokoladenproduktion

Spendenaktion_ Seit unserem Besuch in Deutschland im Nov. 2010 wurden Spenden gesammelt, um einen Generator zu kaufen, der der Kakaokooperative in Samona zu mehr Unabhängigkeit verhelfen soll. Unabhängigkeit von der örtlichen Stromversorgung, die nur zeitweise funktioniert, ist notwendig, um die Kakaobohnen noch vor Ort verarbeiten zu können. 50% ist geschafft!

Elsa und ihre Gruppe "Choco Samona Yuturi" haben die erste, in der kleinen Fabrik hergestellte Schokoladenpaste auf den Markt gebracht, Qualität und Geschmack 1A – 100 % Aromakakao - Ecuador. Aber das ABER folgt auf dem Fuß – die Schokolade wurde mit einem geliehenen Stromgenerator hergestellt, eine Walzmaschine ist defekt und muss repariert werden. Vor allem aber müssen die Anerkennungen des Vereins, des Steueramtes und des Gesundheitsamtes weiter verfolgt werden, sehr aufwendige und mühsame Prozesse. Die Freunde aus Aachen und Umgebung haben uns kräftig unterstützt und mit viel Initiative und Engagement die Hälfte der nötigen Summe für den Stromgenerator zusammengebracht. Ein DICKES Dankeschön über den Ozean!!! Mit der Vereinsanerkennung* kann damit dann hoffentlich endlich der erste kleinere Generator gekauft werden. Damit könnten die Maschinen eine nach der anderen benutzt und mit einer kleinen regelmäßigen Produktion begonnen werden.
*Nur mit der Vereinsanerkennung kann man den notwendigen Diesel für den Generator bekommen. Für Privatleute ist Treibstoff extrem rationiert.

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UNTERSTÜTZUNG: Wer den 2. Teil des Stromgenerators und den Einstieg in die Schokopastenproduktion in Samona unterstützen will, melde sich bitte bei Thomas Hoogen im Referat Weltkirche, Mail: thomas.hoogen-wk@bistum-aachen.de
- Flyer Spendenaktion
- Rundbrief pfeil pdf ...

Crocodile reads a letter "MEET THE CROCODILE AT NIGHT!"

Juni 2011 Englisch-Intensivkurs im Jungle-Camp Iripari

Yes we can!_ 15 Teilnehmer hatte der Englisch-Intensivkurs, den wir für die Gemeinde Zancudo organisiert haben. Drei Wochen begaben wir uns in "Klausur" an den abgelegenen Zancudo Cocha (Zancudo See) um Englisch zu lernen. Skizze vom Iripari-Camp
Englische Sprachkentnisse werden dringend erforderlich um die Tourismuskooperative des Dorfes voran zu bringen.

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Für die TeilnehmerInnen, die zwei Köchinnen und mich waren es sehr intensive Wochen. Meine Rolle wird in Spanisch mit dem Wort "Facilitadora" beschrieben, das heißt die "Erleichterin". Das Wort drückt gut das aus, was ich tue. Ich stelle meine Englischkenntnisse zur Verfügung, Material, Erklärungen, Aufgaben, Ideen, spielerisch damit umzugehen und vor allem meine Motivation und mein Interesse daran, dass jede/r entsprechend seinem Stand etwas dazulernt. Diese Motivation steckt an und ermutigt.

Gleichzeitig hatte ich die Rolle der Gruppenleiterin, die ganz im Gegenteil zu dem, was im Fernseh-Dschungel-Camp läuft, dafür sorgt, dass sich möglichst alle angesprochen, wertgeschätzt und beteiligt fühlen gerade auch, wenn es schwierig wird. Das ist dann, wenn nach der Hälfte der Zeit wichtige Lebensmittel und das Gas ausgehen, weil die Organisation, die sie finanziert und besorgt hat, sich verkalkuliert hatte, wenn jemand Heimweh hat, wenn die großen Macher mal wieder über die großen Stillen hinwegfegen wollen, wenn die einen soviel lernen können, weil sie eine gute Ausgangslage haben und andere vor 20 Jahren zum letzten Mal die Schulbank gedrückt haben. Englisch-Intensivkurs im Iripari Camp
Hier mitten im wirklichen Urwald, fern der westlichen Zivilisation, mit dem Krokodil täglich vor der Haustür in der von Moor umgebenen Lagune, zeitweise ohne Boot aber mit MP3 Player im Ohr und Solarstrom den ganzen Tag Englisch zu lernen, heißt auch, Brücken über die Welten zu knüpfen. Ohne die Kenntnisse der Naporuna Indianer kann man hier nicht leben – für die eine Welt brauchen wir die Fähigkeiten der verschiedenen Völker.
Gefragt, was für die Naporuna am Tourismus wichtig ist, kommt immer wieder der Kulturaustausch, die Welt kennenlernen durch Begegnung in Augenhöhe. Aber die Naporuna brauchen auch ein festes Einkommen, um auf ihrem Land wohnen zu können. Das Indianerland kann nicht nur die westliche Welt mit dem schwarzen Gold, dem Erdöl füttern, auf das diese nicht verzichten will und dem Staat dazu dienen, die Kasse mit Erdölgeld aufzufüllen. Es muss auch den Menschen dienen, denen es gehört. Die vergrößern zur Zeit nur das Heer der Tagelöhner und Arbeitslosen in der Großstadt Coca. Monatelang sind sie als moderne Nomaden unterwegs, um ihrer Familie ein Auskommen zu verdienen oder zumindest einen Esser weniger zuzumuten. Englisch lernen fuer eine bessere Zukunft
Tourismus und Kakaoanbau scheinen zwei mögliche Wege zu sein. Deswegen unterstützen wir als Kirche diese beiden Wege. Deswegen arbeite ich da, wo andere Ferien machen sollen. Noch fehlen viele Schritte, vor allem die rechtliche Anerkennung als Vereine und Mikrobetriebe, ohne die kein unabhängiges, offiziell anerkanntes Arbeiten möglich ist. Aber wir machen weiter . . .
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Januar 2011 Die Reise vom Napo an den Rhein und zurück

Begegnungen_In Aachen, kurz nach unserer Ankunft fragt mich Elsa: "Gibt es hier auch Zeit - so Stunden und Monate und so?" Ja, hier gibt es Zeit. Nur beträgt der Unterschied 6 Stunden. Wenn es in Deutschland 8 Uhr morgens ist, ist es in Ecuador gerade 2 Uhr nachts. Drei Tage später in einer Schule der Umgebung, als Elsa und Alfredo vom Leben der Kakaobauern erzählen, fragt ein Schüler ganz verunsichert: "Gibt es in Ecuador auch Uhren und Stunden und so?" Ja, auch in Ecuador gibt es Uhren und Stunden. Zweimal dieselbe Frage, dieselbe Antwort und doch bleibt auf beiden Seiten das Gefühl zurück, zwei verschiedene Welten vor sich zu haben, die irgendwie anders ticken. Hauptbahnhof Aachen – 7:45 – unser Zug fährt um 8 – Fahrkartenautomat!!! – verflixt, ich war mal wieder zu lange im Ausland – hab schon wieder vergessen, wie der funktionierte - glücklicherweise eine Frau am Schalter – Ticket ziehen, Schlange stehen – das kennen wir aus Ecuador. Als ich dran bin, werde ich sofort abgeblitzt und weggeschickt. Der Schalter sei nur für lange Strecken – an den Automaten wäre jemand zum Helfen. Nachdem dieser Jemand aufgetaucht ist, macht der drei bis fünfmal klick, klick, klick und reicht uns das Ticket mit einer Geste, die uns deutlich zu verstehen gibt, dass wir vom Mond kommen und die uns kein bißchen hilft, es beim nächsten Mal allein zu können. Plötzlich Alfredos Kommentar: "Wenn statt der Automaten mehr Leute am Schalter arbeiten würden, ging es besser und die wären nicht arbeitslos!" Grad gestern hatten wir darüber gesprochen, dass es auch in Deutschland nicht allen Menschen so gut geht wie es zunächst scheint, vor allem dann nicht, wenn sie arbeitslos werden - - - Wir gehen hoch zu den Gleisen. Zum ersten Mal im Leben sehen die beiden einen Zug und wir fahren damit, Genuß in vollen Zügen. "Zieh da besser noch einen Anorak drüber!" sage ich zu Alfredo. Nein, er friert nicht. Wir gehen auf den Platz. Es ist der 11.11. kurz vor 11 Uhr. Die Temperatur liegt etwa bei 5° Celsius, plötzliche Windstösse fegen selbst die besten Schirme vom Platz und der Aachener Nieselregen legt sich sanft aber unaufhörlich auf die Uniformschultern und in die breiten Krägen. Ein Preußengeneral starrt todernst von seinem edelschwarzen Hengst, ein intellektuell aussehendes Brillengesicht hat eine Entenkappe auf dem Kopf und auf der Bühne stimmt eine Stimme im Rock, der so rot ist wie das Mondgesicht in ein Lied ein, das von der Kapelle gegen den Wind gespielt wird. Karnevalsauftakt im Rheinland. Elsa und Alfredo hören, staunen und frieren bis auf die Knochen. Nach einer halben Stunde bitten sie mich, schnell wieder zurück zu gehen. Als wir in die warme Stube kommen – Schock - die Ohren tun entsetzlich weh!!! Was ist das??? Gaaanz ruhig – die Ohrenspitzen müssen einfach nur langsam auftauen - - -

PresseinterviewsNachdem Elsa erzählt hat, wie schwierig das Mahlen der gerösteten Kakaobohnen mit dem Fleischwolf ist, sagt eine aus der Runde: "Da hab ich eine Idee! Kaufen Sie doch hier in Aachen so eine tolle Küchenmaschine. Damit geht das wunderbar!" Schallendes Gelächter, das wir drei und die, die uns bereits öfter gehört haben, nicht zurückhalten können. Wir erklären die Situation, denn sie kann ja nicht wissen, dass es in den meisten Dörfern am unteren Napo keinen oder nur jeweils für wenige Stunden im Monat Strom gibt, dass genau dies eins unserer Probleme ist. Ein anderer Kollege fragt: "So, richtig wilde Tiere gibt es aber bei Ihnen im Wald nicht, oder?" Ich verstehe nicht, und frage: "Welche meinen Sie?" "Ja, so Wildschweine und Hirsche!" Ich lache nicht mehr und sage nur kurz, doch, die gäbe es auch. Im Stillen denke ich: Puma, Tapir, Schlangen und Krokodile laß ich heut mal außer acht - - -

Die Einladung _ Alfredo und Elsa, zwei Kakaobauern aus dem Pfarreigebiet, in dem ich arbeite, haben mit mir den November letzten Jahres in Aachen und Umgebung verbracht. Die evangelischen Kirchenkreise Jülich und Aachen und mein Heimatbistum Aachen hatten uns drei zur Teilnahme an der Schokoladenaktion eingeladen, die die Erhöhung der Produktion von fairer Schokolade gerade im Umkreis der Süßwarenstadt Aachen fördern möchte. Wir bringen die Stimme der Menschen hinein, die am Napofluss in Familienbetrieben den wertvollen Aromakakao produzieren, der Ecuador gerade auf diesem Gebiet zum Weltmarktführer macht, ohne dass die Produzenten bisher einen Nutzen davon hätten. Im Rahmen der Aktion sind wir gebeten worden, beim Hearing mit Produzenten, Fabrikanten und Experten mitzusprechen sowie in Schulen und Pfarreien vom Leben der Kakaoproduzenten zu berichten. Außerdem suchen wir Möglichkeiten, in Tat und Praxis, die Kakaobohnen vom Napofluss in den fairen Handel einzubringen. Alfredo, der nicht nur Kakaobauer, sondern zugleich der Direktor des Tourismus-Netzes ist, das den Bauern eine zusätzliche Einnahmequelle zu vermitteln versucht, spricht auch darüber. Wir möchten Verbindungen zu Menschen anknüpfen, die den Tourismus in den Dörfern am unteren Napo ausprobieren und bekannt machen. Viel mehr Gruppen und Schulklassen als wir erwartet hatten, haben uns eingeladen zu erzählen, wie die Kakaobauern und ihre Familien am Napofluss tatsächlich leben, haben Fragen gestellt zum Kakao, konnten den echten Aromakakao riechen, schmecken und Fotos dazu ansehen, wie er angebaut und verarbeitet wird. Auch zur Fernschule, zum Tourismusprojekt und zur Erdölproblematik, von der an dieser Stelle schon mehrmals die Rede war, sind wir auf offene Ohren, Herzen und viel Interesse gestoßen.

Buschmesser und Pirañas _ "Was macht die Frau da mit dem langen Messer???" Die Frage kennen wir schon, es ist die zweite der Hauptfragen fast aller Schüler/innen zu Alfredos Fotoserie. Antwort: "Das ist Rebeca, meine Frau, sie schält sich gerade eine Apfelsine!" "Schneidet sie sich nicht in die Hand? Schälen die Kinder auch damit die Apfelsinen?" "Was machen sie, wenn sie sich schneiden und kein Docktor ist da?" Die Machete, das lange Allzweck-Buschmesser der Südamerikaner/innen ist der Aufwecker. Die ist sooo lang und sieht sooo gefährlich aus, dass man sich in Deutschland kaum vorstellen kann, wie jemand damit irgend etwas schneidet, ohne sich zu verletzen. Die vom Napofluss wundern sich, dass man sich wundert - - - Jetzt die absolute Spitzenreiterfrage fast aller Gruppen und Klassen – an Alfredo: "Wie können die Touristen in den Lagunen schwimmen, ohne dass die Pirañas sie fressen???" Alfredos Antwort mit dem typischen Grinsen im Mundwinkel: "Nicht die fressen und, sondern wir essen sie!" Und er erklärt ihnen, dass die Naporuna die Lebensweise der Pirañas kennen, wissen, wo sie leben und, dass sie nur zubeißen, wenn sie bereits vom Blut angelockt werden. Das gerade ist ja der Reiz des Tourismus im Amazonasgebiet, dass man unter Führung erfahrener Indianer, Tiere und Pflanzen, Wege, Flüsse, Menschen und Kulturelemente kennenlernen kann, mit denen wir als Europäer sonst nicht umgehen können, die uns aber doch faszinieren und herausfordern. Alfredos Einladung heißt: "Kommen und miterleben!" Selbst den Strom gibt es in den Touristenunterkünften bereits. Kleine Sonnenkollektoren sorgen für Beleuchtung am Abend – falls jemandem die 1000 Sterne zu wenig scheinen oder man doch noch schnell die Kamerabatterie aufladen muss, um die Fotojagd fortzusetzen - - -

Schokosplitter – zart und bitter _ Diejenigen von euch und Ihnen, die am 17. November beim Hearing der Schokoladenaktion Aachen dabei waren, haben miterlebt, wie uns gerade bei unseren Statements sehr offene Ohren entgegenkamen. Sie haben miterlebt, wie dem Vertreter der Süßwarenindustrie rund 6100 unterschriebene Postkarten aus der Region überreicht wurden, die mehr faire Schokolade aus dem Rheinland gefordert haben. Ein ermutigendes Zeichen. In der Diskussion bekamen jedoch die Fragen der westlichen Welt ein enormes Übergewicht. Sie drehten sich rhetorisch und technisch versiert um präzise Standards der Siegelverleihung, mit Hilfe derer sich anscheinend Positionen von Experten und Institutionen im Bekanntheits- und Machtspektrum des Fairen Handels nach vorne bringen lassen. Solange die Siegelexperten streiten, schafft die Süßwarenproduktion doch gleich eigene Siegel und verpackt darin Faires, vielleicht nicht so Faires, Organisches und vielleicht nicht so Organisches in selbst geschaffener Zartbittermischung. Und der Weltmarktpreis bleibt weiterhin doppelt so hoch wie der, den die Bauern vom Napo bekommen. Die Hilfswerke und Organisationen des Fairen Handels, von denen wir sehr zuvorkommend behandelt werden, sind zwar angetreten mit der Devise des direkten Handels mit den Bauern, bewegen sich aber inzwischen in einer Größenordnung, die die Kakaobauern der gesamten Provinz Orellana zwingen würde, mit mindestens zwei weiteren Provinzen zusammenzuarbeiten, damit die Menge der lieferbaren Kakaobohnen auch nur wert wäre, in Augenschein genommen zu werden. Zudem müßte die gesamte lokale, provinziale und überprovinziale Organisation von den Bauern selbst übernommen werden ohne jede Zusage oder gar Kaufbindung und das in einem Gebiet, wo mindestens die Hälfte der Bauern nur per Boot und ohne Telefon und Internet erreichbar ist, Bauern normalerweise nicht über Geld oder Kredit verfügen und deshalb hauptamtliche Kräfte nicht bezahlt werden können. Bei der Frage, ob zuerst die Organisation vorhanden oder zuerst eine Vertragszusage für kleinere Mengen etwa in 2 Jahren in Aussicht gestellt werden muss, bleiben wir hängen wie an der Frage, ob das Huhn oder nicht doch das Ei zuerst da waren?! - - -

Schokopaste - zurück in Samona _ Was tun? Elsa hat immer wieder von den Schwierigkeiten berichtet, die eine kleine Schokoladenrohpastenfabrik in ihrem Dorf hat, weil sie von verschiedenen internationalen Hilfswerken Maschinen bekam und Baumaterial, eine kleine Fabrik mit eigenen Händen aufgebaut hat und dann sitzen gelassen wurde ohne Stromgenerator, ohne Unterstützung bei der Legalisierung ihrer Fabrik und ohne Vermarktungsmöglichkeiten, die man ihnen versprochen hatte. Das Interesse der Schüler/innen hat auch ihre Motivation neu angestachelt. Es muss noch einmal losgehen. Wieder von vorne!!! Seit zwei Jahren hat sich niemand mehr um die Fabrik gekümmert, sie ist als aussichtslos eingestuft. Kaum waren wir zurück in Coca, noch bevor wir in unsere Dörfer zurückfuhren, sind Elsa und ich zu der Organisation, die Unterstützung zugesagt, angefangen und hängengelassen hat. Die Legalisierung muss durchgeführt werden. Die Schuld wird bei anderen gesucht. Es interessiert nicht, wer Schuld hat, jetzt muss es neu anfangen und dazu braucht die Gruppe verbriefte Eigentumsrechte. Kaum ist Elsa in Samona hält sie eine Versammlung der Schokogruppe ab, erzählt von der Idee des fairen Handels, vom Interesse in Deutschland, verteilt Printen aus Aachen und besteht darauf, dass die Leitung der Gruppe neu gewählt wird. Bolivar, ihr Mann, der nach langer Krankheit wieder einsteigen will, wird gewählt. Das gibt Mut und Hoffnung. Bolivar hat vor seiner Krankheit bewiesen, was er als Leiter kann. Aber Samona braucht auch einen Stromgenerator – und hofft dafür auf Hilfe aus Deutschland - - -

Gastfreundschaft _ Wir haben Begegnung gesucht und sind einem zeitweise atemberaubenden und in diesem Umfang nicht erwarteten Interesse und einer ebensolchen Gastfreundschaft begegnet. Menschen haben uns transportiert, Betten und Küchen überlassen, Essen für uns zubereitet, mit uns gegessen, Schuhe getrocknet und Wäsche gewaschen, Ohren und Augen offen gehabt und Kulturprogramme für uns organisiert. Menschen haben für uns die Terminplanung übernommen, die informative und gute Pressearbeit, die Finanzen und Teile der Übersetzungsarbeit. Alle Namen aufzuzählen, würde den Rundbrief sprengen. Ich möchte nur einen nennen ohne den diese Reise entweder unmöglich, schwierig, auf jeden Fall aber salzlos geworden wäre: Thomas Hoogen vom Referat Weltkirche im Bistum Aachen.

Allen von Herzen Dank!!! Ihr und Sie haben auch unsere Motivation angefeuert - weitermachen – trotz der Probleme und der schwierigen Situation am Napofluss. "Wer aufhört zu kämpfen, hat schon verloren!" Misereor Leitwort

Für das neue Jahr wünsche ich Ihnen und euch allen diese Energie und den neuen Mut der Schokogruppe Samona - - - neues Leben, Salz und Licht - - - Friederike

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November 2010pfeilDer Reisebericht von unserer Rundreise durch das Amazonasgebiet des Unteren Rio Napo, Yasuni, Aguarico und Lagartococha ist fertig!

Sie finden den Reisebericht, Infomaterial sowie die Fotogallerie pfeil hier.

 

September 2010 pfeil SACHA ÑAMPI – Tourismus auf dem Weg und der Kakao im Kulturprogramm

Ich liege in der von Daisy Shiguango handgeflochtenen Hängematte aus Chambirafasern und ziehe an der Schnur, die am Wurzelholzgeländer befestigt ist. Schon wird aus der Hängmatte eine Schaukel, die mich sanft hin- und herwiegt während der Siesta, unserer Mittagspause. Ich habe Ferien und bin mit Verwandten aus Deutschland unterwegs, um das neue Gemeinschaftstourismusprojekt am unteren Napofluss, meinem Arbeitsgebiet, zu genießen.
Wir sind in Alta Florencia und lassen es uns gut gehen. Heute morgen sind wir mit dem Boot angekommen und wurden an der Anlegestelle des wunderschönen, ganz aus Holz gemachten, palmblattgedeckten Touristenhauses empfangen. „Sacha Ñampi“ heißt es oder auf deutsch „Auf dem Waldweg“. Wir steigen die Uferböschung hoch und schon liegt es vor uns. Die obere Etage dient als Schlafzimmer. Für jede Person wird ein Zelt mit Matratze aufgestellt, das auch als Moskitonetz gute Dienste tut. Die untere Etage ist der Aufenthalts- und Veranstaltungsraum und eben ein guter Platz für die Siesta in der Hängematte.
Heute morgen hat Felipe Alvarado bereits eine Führung durch das Kakaofeld der Großfamilie mit uns gemacht und uns Touristen den gesamten Prozeß der Kakaoernte auf dem Feld über das Probieren des Fruchtfleisches, Fermentieren und Trocknen erklärt. Sehen und Anfassen der Arbeitsgeräte sowie der Geschmack der Früchte, lassen den Weg des Kakaos vom Baum zum Rohkakao vor uns lebendig werden.
Jetzt gibt es Mittagessen, Fisch aus dem Napofluss, am Morgen frisch gefangen, mit Kräuter in Blätter gewickelt und auf dem Feuer gegart, Maitu, nennen die Naporuna diese Spezialität, dazu gibt es Kochbananen und Reis aus der eigenen Ernte der Dorfbewohner.
Der Höhepunkt des Tages kommt nach der Siesta, das Kulturprogramm. Wir können zusehen, zuhören und mitmachen bei drei Tätigkeiten, die Alltag und Kultur bestimmen. Die Chichaherstellung (ein bierähnliches Getränk aus Yucawurzeln) ist Sache der Frauen. Kakaoherstellung in HandarbeitDaisy führt uns in diese Kunst ein und leitet dann über zur Herstellung der Schokoladenpaste. Wir Touristen werden eingeladen, die Kerne auf dem Feuer durch die Pfanne zu rühren, damit auch ohne Fett nichts anbrennt. Dann die zweite Übung, die glühend heiße Haut muss runter von den Kernen solange alles noch heiß ist, so geht es besser – aber wie, ohne sich zu verbrennen? Dann der Fleischwolf, der zum Kakaowolf wird und mit harter Anstrengung viermal alle Kerne durchdreht und preßt. Dabei macht auch Felipe mit. Die harte Arbeit mit der Handmühle bringt auch ihn ins Schwitzen. Die Kakaopaste wird dabei immer weicher und die Kakaobutter beginnt zu tropfen, der Duft von frisch gemahlenem Kakao hängt in der Luft. Wir füllen die Paste in kleine Gefäße, in denen sie einige Stunden trocknen muß. Hier wird 100% Aromakakao aus Ecuador hergestellt ohne jede andere Zutat!
Klar, dass wir zum Abendessen geraspelte Schokopaste in heiße Milch gekocht und gesüßt serviert bekommen, einfach gut!
Die Reinigungszeremonie, die der Schamane am Abend durchführt, zeigt uns, wie ein Ermüdeter innerlich neu belebt, ein Gefährdeter geschützt oder ein Kranker auf eine Heilungszeremonie vorbereitet wird. Uns bereitet sie auf einen guten Schlaf vor unter dem Millionensternenhimmel, der über der Waldlichtung thront. Den Wald und seine Schätze werden wir morgen kennenlernen.
Der Tourismus ist auf dem Weg. Es ist ein Gemeinschaftstourismusprojekt, das den Dorfbewohnern gemeinsam gehört und von ihnen selbst gestaltet wird. Aromakakao ein Teil davon. Ob es ein guter Weg wird, hängt davon ab, wie viele Touristen ihn gehen, sich überraschen und verwöhnen lassen wollen.

Wem der Geruch schon in der Nase krabbelt und erwägt dies alles live zu erleben findet hier Hinweise (Flyer) zur Buchung einer solchen Reise.

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Juni 2010 pfeil Schokolade handgemacht

- und der Traum von der eigenen Fabrik

Alles ist noch dunkel, aber der Urwald schläft nie. Viele Bewohner nutzen gerade die Nachtstunden, um zu jagen und sich des Lebens zu freuen. Auf der anderen Flußseite blitzt plötzlich über den schwarzen Baumwipfeln ein schmaler leuchtend weißer Lichtstreifen auf. In Samona weiß Magdalena Avilés jetzt, dass es gleich 5 Uhr morgens ist und in einer Stunde die Sonne voll am Himmel steht. Sie hat sich verspätet heute. Die Fledermäuse schütteln vor ihrer Nase schon die Flügel aus und verkriechen sich unters Palmblätterdach in ihre Schlafstellen.
Schnell und leise geht Magdalena in die Küche und legt Holz auf die noch warme Feuerstelle. Reis dauert zu lange – heute gibt es zum Frühstück Machacado, kleingedrückte Kochbananen, die vom Vortag übriggeblieben sind, gemischt mit Ei und kleingehackten, wilden Oreganoblättern. Das Ganze warm gemacht und dazu heiße Schokolade aus eigener Herstellung. Das tut gut nach der kühlen regnerischen Nacht. Ihre drei Gymnasiasten Juan, Nelson und Ingrid haben heute Unterricht in der Fernschule. Um 7.30 Uhr müssen sie auf dem Dorfplatz sein und haben noch eine halbe Stunde Fußweg vor sich durch den tropischen Regen, der in der diesjährigen Regenzeit nicht aufzuhören scheint. Aromakakao Ecuador_Kakaobohnen
Magdalena ist eine der wenigen Frauen die Schokoladepaste von Hand selber macht. Sie läßt sie hart werden, um sie dann in Coca zu verkaufen oder auch selbst mit ihrer Familie als heiße Schokolade zu genießen. Ich frage sie, wie sie das macht. „Zuerst müssen wir die fermentierten und getrockneten Kakaokerne rösten in der Pfanne auf dem Feuer. Und dann muß die Schale ab solange die Kerne noch heiß sind. Das ist viel Arbeit und man verbrennt sich leicht. Dann werden sie gemahlen mit der Handmühle, 3 – 4 Mal, das ist das Härteste. Da tun mir die Hände weh. Darum habe ich schon eine ganze Zeit keine Schokolade mehr gemacht. Das ist zu hart. Da kömmt das Öl aus den Kernen. Das Ganze wird gemischt mit Milchpulver und Zucker und dann in kleine Pilches gefüllt. (Das sind die harten Schalen einer kürbisähnlichen Frucht die als Eß- und Trinkgefäße genutzt werden.) Das trocknet in 5 – 10 Minuten und wird fest. So kann ich die Pilches aufbewahren, später mit nach Coca nehmen und dort verkaufen für 1 US$ das Stück. Das ist schon viel besser, als wenn ich die Kerne pro Pfund verkaufe. Oder wir raspeln sie hier und mischen sie mit heißem Wasser für die Trinkschokolade zum Frühstück. Aber da brauchen wir natürlich noch mehr Zucker, sonst schmeckt die uns einfach nicht, Schokolade muss süß sein!“ Ich frage Magdalena, ob es in Coca auch Großaufträge gäbe für die Schokoladenpaste, vielleicht sogar für 100 Pilches oder mehr. „Ja, die gibt es, ja, aber wir können das nicht machen. Das Mahlen ist einfach zu hart! Das schaffen wir nicht.“
Und so kommen wir auf die Fabrik zu sprechen. Auf dem Dorfplatz, ganz in der Nähe des Samonabaumes, dem größten und wertvollsten Baum des Waldes, der auch  Namensgeber und Wahrzeichen der Gemeinde ist, entsteht sie – auch in Handarbeit. Blockstein für Blockstein wurde in Booten aus der Stadt gebracht und wird mit Holz und Eisen täglich ein Stück weiter gebaut. Hier in Samona entsteht die erste Fabrik für Schokoladenpaste am Unterlauf des Napoflusses. Die Mahlmaschine steht schon unter dem Dach des Fußballfeldes. Sie wird die schwere Handarbeit ersetzen und soll dafür sorgen, dass auch Aufträge von 100 Pilches und mehr angenommen und ausgeführt werden können. Aber dazu braucht es noch viel Hand-, Kopf- und Organisationsarbeit. Alle Gemeindemitglieder als Gruppe sind die Besitzer und Verantwortlichen der Fabrik. Einige Mitglieder werden ausgewählt, dort für Lohn zu arbeiten und der Gewinn soll von allen verwaltet werden. Das erfordert höchste Kunst der Vermittlung in einem oft zerstrittenen Dorf. Außerdem müssen die Kakaobauern der umliegenden Dörfer überzeugt werden, ihren Kakao hier zu verkaufen. Dazu braucht es einen guten Preis und Verkaufsmöglichkeiten.
Aber schon wird der Traum von der eigenen Fabrik Stein für Stein aufeinandergesetzt.
In wenigen Monaten hoffentlich mehr an dieser Stelle und die neusten Fotos von der Schokoladenfabrik in Samona.
Bis dahin Frühstücksschokolade bei Magdalena . . .
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Mai 2010 pfeil Computer, Floß und Hitzefrei
Urwaldgymnasium mit Hindernissen  sturm am rio-napo

„Wie bist du denn hierher gekommen?“ frage ich Libardo aus Puerto Quinche (1. v. re.). schueler im englischkursStolz antwortet er: „Mit dem Balsafloß! Das hab ich mir gemacht! Es gab kein Benzin für das Motorboot. Heute morgen um 6 bin ich los und hab mich den Fluß runtertreiben lassen. Sechs Stunden hab ich gebraucht bis Rocafuerte.“ Libardo hat morgen ein Referat über die finanzielle und soziale Krise des Landes zu halten. Das ist Teil seiner Abiprüfung. Das Referat existiert bisher nur in seinem Kopf, das muss heute noch in den Computer und aufs Papier. Libardo hätte längst vorher hierherkommen sollen. Ich hoffe bloß, er erinnert sich an unseren Computerkurs und daran, wie im Computer ein Dokument gespeichert wird …

Unterricht gibt es im Ferngymnasium nur zwei Tage die Woche. Urwaldgymnasium - Einheit für Erziehung auf Distanz in OrellanaDas wird vielen Schülern/innen in Deutschland phantastisch erscheinen – bestimmt wollen einige schon wechseln. Die Nachteile und Schwierigkeiten lassen jedoch nicht auf sich warten.
Leonardo und Eliberto kommen aus dem Dorf Centro Ocayo. Sie gehen 4 Stunden am Fluß entlang zu Fuß zur Schule, denn in ihrem Dorf gibt es keine Schulgruppe. Sie nehmen im Nachbardorf Puerto Quinche teil und übernachten dort bis zum zweiten Schultag.
Wenn an Napofluss bei 27° im Schatten wegen Hitzefrei die Schule ausfiele, gäbe es hier gar keine Schule! Die normale Tagestemperatur liegt bei 32 – 35° Celsius. Bei weniger als 25° kommen die Schüler/innen mit den langarmigen Sweatshirts zur Schule, die die Regierung irrtümlich als Sportuniform geschickt hat.
Der tropische Platzregen, der jetzt in der Regenzeit jeden Tag für einige Zeit vom Himmel fällt, kracht so laut auf die Wellblechdächer, dass selbst der Tutor sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Bei Regen gibt es entweder Pause oder Einzelarbeit im Stillen, für die der Tutor die Aufgaben an die Tafel schreiben muss, denn auch die Aufgabenstellung versteht mündlich keiner mehr.

Wie machen ein Jugendlicher, Sohn eines Kakaobauern oder eine ledige Mutter, Besitzerin von dreißig Kakaobäumen in einem indianischen Dorf, 14 Bootsstunden von der nächsten Stadt entfernt, ihren Weg zum Abitur?
Zuerst einmal macht man die Grundschule, die hier zugleich eine Hauptschule ist. Sie dauert 7 Jahre. Sie findet bei einem Dorflehrer statt, der oft alle Klassen gleichzeitig in einem Raum unterrichtet und nur sehr ungern in dieser abgelegenen Gegend arbeitet. So oft wie möglich besucht er seine Familie in der Stadt und bleibt lange weg. Die Schüler freuen sich über die Freizeit, aber ihr Grundwissen bleibt sehr begrenzt. Die Grundschule ist Pflicht in Ecuador. Eine sechsjährige weiterführende Schule besucht man freiwillig und die Erlaubnis der Eltern zu bekommen, bedeutet, eine Arbeitskraft weniger und einen Geldverbraucher mehr in der Familie zu haben. Gleichzeitig wissen alle, dass ein zukünftiger Arbeitsplatz vom Abitur abhängt und nehmen große Anstrengungen auf sich, um im Urwaldgymnasium aufgenommen zu werden.   

SchuelergruppeZehn Dörfer im Kreisgebiet haben eine Dorfgruppe gegründet. Dazu brauchen sie mindestens 25 Schüler/innen und manchmal auch die Bereitschaft, den Tutor selbst zu zahlen bis die Schulbehörden alle Formalitäten erledigt hat, was viele Monate dauern kann. Einen Lehrer im üblichen Sinne gibt es im Urwaldgymnasium nicht, denn es ist ja eine Fernschule. Schüler und Schülerinnen verpflichten sich, Zuhause täglich eine bestimmte Zahl von Seiten im Schulbuch zu lesen, zu bearbeiten und die anschließenden Aufgaben zu lösen. Mit dem so vorbereiteten Buch kommen sie zwei Tage pro Woche zur Besprechung mit Gruppe und Tutor/in, um die Aufgaben zu lösen, die sie alleine nicht lösen können. Die Tutoren im Ferngymnasium sind oft Abiturienten derselben Fernschule ohne Studium, die inzwischen ausserdem als Bauern, Dorfchefs, Kreistagsabgeordneter, Projektleiter im Tourismusprojekt, Familienmütter oder Grundschullehrerinnen arbeiten.

Leonardo und Eliberto schueler in der freizeitsitzen nach dem Abendessen, Kochbananen und Ei, das sie sich selbst auf dem Feuer zubereitet haben, bei Kerzenlicht über ihren Büchern. Das Benzin für den Lichtgenerator in Puerto Quinche ist wieder mal zu Ende und bis es irgendwann mal neues gibt – wird auf Kerze umgeschaltet. Nachschlagen im Lexikon – ebenfalls gestrichen! Das Lexikon ist im Computer der Schulgruppe und auch der braucht Strom. Computer üben – gestrichen!!! Musik hören leider auch – die neusten Lieder von Makano, der Lieblingsgruppe der meisten Schüler/innen haben sie letzte Woche reinkopiert – in den Computer – - -
Diese Woche also: Urwaldgrillen – Nachteulen – Regenfrösche - Kerzenlicht - Bücher - das ätzende Frage- und Antwortspiel in Sozialkunde und Textaufgaben in Mathe - Wurzelziehen – keinen Schimmer - - - da hilft auch die Kerze nicht - - -
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März 2010 pfeil Schwarzes Gold - Yana Kuri

- Erdölförderung im Yasuni-Nationalpark

Was wäre, wenn unter Ihrem Narzissenbeet im Vorgarten Erdöl gefunden würde? Wäre das ein Fluch oder Segen? Hier ist es wahr – die Regierung hat entschieden, das Erdöl hier in der Pfarrei abzubauen. In diesen Tagen werden die Leute im Dorf Yana Yaku ( = Schwarzes Wasser, das aus dem Urwaldmoor kommt) den ersten Besuch von der Erdölgesellschaft erhalten. Unter ihrem Dorf und in der Nachbarregion liegt das schwarze Gold des ITT Projektes, das noch in der Kopenhagenkonferenz als international wegweisend für dieses Jahrhundert gepriesen wurde, wenn es gelänge, durch den Verkauf von Verschmutzungsrechten oder Umweltschutzprojekten genügend Geld reinzubringen, so dass auf den Abbau verzichtet werden könnte. Es ist nicht gelungen, denn viele kleine und große Leute in Ecuador, Deutschland und anderen Ländern haben fleißig daran gearbeitet, ihr Umweltimage zu verbessern und gleichzeitig ihren Anteil am Gewinn zu erhöhen.
Jetzt gibt es in der Region kein anderes Thema mehr und die verschiedenen Machtgruppen haben sich längst gesucht und gefunden. Der ecuadorianische Regenwald ist nicht der Niederrhein, aber die oben erzählten Ereignisse finden unter anderen Namen und Gesichtern gerade hier statt und wir leben mitten drin…
Mit zwei großen Unterschieden: Erstens – an Stelle des Narzissenbeetes wächst hier dieser Urwald, der einen Teil des Yasuní Nationalparks bildet. Der ist eine der ganz wenigen Regionen der Erde, in der nie eine Eiszeit stattgefunden hat und wo sich deshalb das Leben ohne Unterbrechung in einer langen Kette entwickeln konnte. Das Ergebnis ist eine sonst unvorstellbare Artenvielfalt. Auf einem Hektar gibt es hier mehr Arten von Lebewesen als in den USA und Kanada insgesamt.
Zweitens – am andern Ende unserer großen Provinz Orellana leben tatsächlich zwei kleine Menschengruppen bisher ohne die sogenannte westliche Zivilisation, die Tagaeri und die Taromenani. Seit mindestens 40 Jahren haben alle ihre Versuche, sich anzunähern und alle Versuche der sogenannten Zivilisierten sich ihnen zu nähern mit Mord geendet. Sowohl Mitglieder ihrer Völker als auch eine Reihe Eindringlinge wurden gewaltsam getötet. Die Erdölfirmen haben sich bis auf 14 km ihrem Land genähert, der Druck wir ständig größer, ihre Überlebenschancen sind minimal – Erdöl scheint wichtiger für die einen und der angebliche Umweltschutz für die anderen. Menschen, die nichts haben als das schwarze Gold (=Yana Kuri) unter ihren Füßen und die einmaligen Insektenarten um sich herum, zählen nicht - - - oder sollte es besser heißen, zahlen nicht??? WAS TUN???
Es gibt zur Zeit nichts, was man tun könnte, um den Wahnsinn zu verhindern, denn nahezu alle Beteiligten sind sich einig – das Öl muss raus – noch dieses Jahr wird gebaut!!!
Was ich tue? – Letzte Woche habe ich hier im Computerraum der Zentrale unserer Fernschule einen Computerkurs für Anfänger gegeben für die Schüler/innen aus Yana Yaku, die größtenteils noch nie einen Computer bedient hatten und erst recht nicht das Internet. In ihrem Dorf gibt es keinen Strom, der den in der Grundschule vorhandenen Computer betreiben könnte. In dieser Gruppe sind fast alle erwachsene Familienmütter und –väter. Zumindest erste Schritte konnten gemacht werden, um einen offiziellen Brief zu schreiben oder auch das Gesetz zum Schutz der Indianergemeinden aus dem Internet zu kopieren. Zusammen mit einem der Pfarrer unserer Pfarrei versuche ich mich und die Leute in verschiedenen betroffenen Dörfern über die Auswirkungen des Erdölabbaus zu informieren, damit sie in den Verhandlungen mit der Erdölgesellschaft und dem Bürgermeisteramt nicht völlig unvorbereitet sind. Vielleicht ist es möglich, doch klarer zu verhandeln, damit nicht nur die neue Hütte am Rand der Bohrtürme dabei rauskommt, der Fernseher und das Handy, damit sie vor allem nicht ihr Land verkaufen, das ihre einzige Überlebenschance ist. Ob das gelingt ist fraglich - - -
Im Weiterbildungskurs für Katecheten, den ich vor zwei Wochen gegeben habe, haben wir die Kar- und Osterwoche vorbereitet. Unter anderem wurde der Ostertext Joh 20 bearbeitet. "Als alles vorbei ist und es keine Hoffnung mehr gibt, sieht Magdalena den Gärtner und erkennt, dass es Jesus ist, den sie längst für tot gehalten hat" -  Schon immer hat uns der große Gärtner eingeladen, seinen und unseren Garten Eden zu hüten und zu pflegen - - - Kawsay tyan – so lautet der Ostergruß der Naporuna - Leben gibt es!
... den kompletten Rundbrief finden Sie hier pfeil[pdf]

und die dazugehörigen Fotos in unserem pfeil Fotoalbum

Februar 2010 pfeil Klimakonferenz in Kopenhagen - was geht es uns an?

In diesen Tagen läuft die Klimakonferenz in Kopenhagen. Dort wird die Zone Nuevo Rocafuerte eine wichtige Rolle spielen. Das Projekt trägt den Namen eines Erölfeldes Ishpingo-Tambococha-Tiputini (ITT). Ecuador und einige europäische Länder unter der Federführung Deutschlands wollen vorschlagen, das im Feld ITT vorhandene Erdöl, 20% der nationalen Vorräte, im Boden zu lassen und dafür Entschädigungsleistungen an Ecuador zu zahlen. Es ist ein Prestigeprojekt, das weltweit Aufsehen erregen soll, weil es allen Beteiligten den Heiligenschein der großen Umweltschützer eintragen soll. Das Bild, das in Kopenhagen vom ITT verkauft wird, zeigt jedoch nicht, dass die Industrieländer, statt endlich die Sonnenenergie besser nutzbar zu machen, mehr Öl woanders kaufen werden, wenn das ITT Öl im Boden bleibt. Das in Kopenhagen verkaufte Bild zeigt auch nicht, dass internationale Erdölfirmen zusammen mit Ecuador gleichzeitig in allen umliegenden Erdölfeldern, die ebenfalls zu einem der weltweit wichtigsten Bioreservate, dem Yasuní-Nationalpark, gehören, weiter Erdöl fördern werden. Auch deutsche Politiker/innen und Experten/innen wollen besser nicht sehen, dass neue Erdölleitungen bald mitten durch die Indianerdörfer unserer Zone führen und vom Rand des Naturschutzparks aus das Erdöl aus dem Boden ziehen werden, in dem es doch scheinbar bleiben soll. In der modernen Welt zählt der Schein eben mehr und das zahlt sich aus …
Auch das ist Teil meiner Arbeit – ich versuche mich und andere in Deutschland und Ecuador über das Projekt zu informieren, versuche, es genauer zu verstehen und zu übersetzen, was da mit uns geschieht… und muß doch weiter zusehen, wie der Schein sich auszahlt in Scheinen…

Dezember 2009 pfeil Bilder von Schein und Sein

Wir stehen bis zu den Waden im Wasser, rostigem Wasser, in einem großen alten Metallboot, das ausrangiert auf der Sandbank vor der Dorfanlegestelle liegt. In der einen Hand halte ich meine Schuhe, damit die nicht naß werden, über der Schulter den Rucksack, über dem Arm ein weißes T-Shirt und in der anderen Hand die Digitalkamara. Ich muß irgendwie die Hände freibekommen und balanciere mich durch das Boot zur Spitze, wo ich auf einem Brett meine Sachen abstellen kann. Mit Digitalkamera und T-Shirt wate ich wieder zurück ans andere Ende des Bootes, wo Alex auf mich wartet. Das alte Boot ist der einzige Ort, den wir hier in ein Fotostudio verwandeln können, denn eine große grüne Plastikplane, die wir mit einem Stückchen Kordel, das wir am Boden des Bootes finden, an eine Holzstange binden können, gibt uns einen Studio-Hintergrund, fast echt. Alex zieht das weiße T-Shirt über, denn Paßfotos für die Einschreibung zur Fernschule müssen den Vorschriften entsprechen und deshalb die Schuluniform zeigen oder zumindest ein weißes T-Shirt. Wie gut, dass das Foto nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigt. So bleiben Alex Beine im rostigen Wasser und auch die Aufhängung der Plastikplane außen vor. Klick – ein Foto – ich will ein zweites zur Sicherheit und weil grad ein Stück vom Hintergrund verrutscht ist – sssss – Batterie leer. ...
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